Renan Cengiz

Leser beschimpfen

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Besucht man die richtige Demo, kann einem heute jeder 15-jährige Marx‘ Kapital erklären. Fantastisch. Noch fantastischer gefiel mir Marx‘ Vorwort zu irgend einer der vielen Neuauflagen des Kapitals, in dem er leidenschaftlich darüber herzog, dass und von wem er nicht verstanden würde. Er teilte aus wie ein angestochener Tupamaro, was mich sehr amüsierte. Mehr als das Vorwort habe ich dann auch nie gelesen, denn Marx nach dieser Vorrede zu verstehen, das wollte ich mir nicht antun.

Gestern Abend musste ich wieder daran denken, als ich mir, im Bett liegend, Ernst Ecksteins Schulstreich-Humoreske „Der Besuch im Karzer“ vornahm. Hier ein Auszug aus dem Vorwort  zur 54. Auflage:

„Ich gestaltete [die Humoreske] ohne jeden Hinblick aufs Publikum. Ich war mein dankbarster und eifrigster Leser. Schon diese Genesis überhebt mich der Mühe, auf die Anfeindungen beschränkter Seelen […] zu antworten. Ich habe den ‚Besuch im Karzer‘ geschrieben, weil das Ding mir Vergnügen machte — nicht aus diesem oder jenem abseits gelegenen ‚Motiv‘. Das freilich kann ein trübseliger Pedant, dem die spontane Wirksamkeit einer fröhlichen Laune unbekannt ist, mit all seiner Gelehrsamkeit nicht begreifen. Mögen die Herren fortfahren, ihrem Ärger […] Luft zu machen! Unsere vierundfünfzigste Auflage wird deshalb ebensowenig ins Wasser fallen wie die bisherigen.“

Aaah, herrlich. Eckstein hat mit seiner Polterei etwas geschafft, das Marx nicht geschafft hat: Ich habe das Buch in einem Zug heruntergegluckst und mich gefreut, in Eckstein einen Bruder im Geiste gefunden zu haben — einen, der weder sich selbst zu schade für Blödsinn war, noch dem Irrglauben anheim fiel, ein Autor müsste seine Kritiker und Interpretatoren mit Pietät bedampfen.

Das gilt im Übrigen auch für Ecksteins Verhältnis zur Rechtschreibung: Mitten im Fließtext wendet sich der Autor an den Leser und rächtfärtägt dä sältsamä Orthographie seines Rektors Heinzerling mit den Worten:

„[Er] sprach allerdings nicht ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte; allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel zur Hand, die spezifische Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnbildlichen. […] So lange unser armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen für Zwitterlaute zwischen i und e, zwischen u und o usw. besitzt, so lange wird der Historiograph, der sich mit Herrn Dr. Samuel Heinzerling beschäftigt, die von uns vorgeschlagene Rechtschreibung adoptieren müssen.“

Äch wäderhole: Härrläch! Das Büchlein sei hiermit warm empfohlen.

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