Wir feiern das Weltkulturerbe Techno! 11.07.2026, 11–02 Uhr, Stadtpark Rheinberg am Spanischen Vallan. Einlass frei, bitte kauft eure Getränke bei uns, danke!
Wir sind ein solidarischer Ort. Bei uns ist kein Platz für Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit! Lasst uns feiern, peoples, die Welt ist schlimm genug!
Ein musikalisches Theaterstück von und mit Peter Trabner & Renan Cengiz geht in die nächste Runde: Am 17. Mai 2026 um 18:00 im Kulturraum Aartal, Greven. Der Eintritt ist frei, um eine generöse Hutspende wird gebeten.
AAAAAAAAAH! DIESER SCHMERZ!
Dionysos ist irgendwo falsch abgebogen. Spätestens als sich die Spitze eines Stachels seiner Weißdornhecke in seine chirurgisch hyperoptimierte Pimmelspitze bohrt, weiß er: Das hier war nicht der Plan.
Da steht er nun, der Gott des Rausches, auf dem adretten Rollrasen seiner Manufaktum-konformen Megamansion. Er sinnt. Denkt an alte Tage als junger Gott, ha! Was für einen Scheiß haben sie damals getrieben, er und Satyr, sein treuer dämonischer Begleiter – auf allen Partys, am Grund jeder Uzoflasche. Denkt an Zeus, seinen Vater. Und an Peter, den Menschen, mit dem er für diesen ganzen Bühnenzauber seine Seele teilt.
Auf der Grenze zwischen Rausch und Ratio, zwischen Wohnung und Wildnis, zwischen Kultur und Natur zu tanzen, erfordert einen verlässlichen Sinn fürs Gleichgewicht. Physisch wie psychisch stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Wie viel ist zu viel?
In seinem dritten Stück aus der Griechen-Reihe nimmt sich Peter Trabner die Figur des Dionysos vor. Zusammen mit Rapper, Künstler und Satyr Renan Cengiz stellt er sich einer Probensituation, einer fragil-gewaltigen Auseinandersetzung mit Grenzgang, Sucht und Rausch, mit Chaos, Natur und Theater.
In der Begegnung mit Dionysos werden Trabner Druck und Freiheit der sozialen Umwelt brutal deutlich. Bei allem Verlangen, bei allem Tun, liegt darunter immer dieselbe Blaupause: die erlernte Form der Liebe, nach der das Kind in uns auf ewig strebt. So steht das erwachsene Kind im gutbürgerlichen Garten, lässt den Blick über Pool und Polygonalplatten bis zum geplanten Flüchtlingsheim schweifen – und ja, da ist es wieder, dieses Gefühl, das so lange betäubt, aber nie gepflegt wurde: ANGST.
Der unsterbliche Dionysos lädt ein, die totale Hingabe ans Leben zu feiern. Diese Feier entlädt sich in trabner-typischen Wortexplosionen, wahnwitzigen Realitätswechseln, feinen Brüchen zwischen Probe und Aufführung, Raum für Stille, Ahs, Ohs, Gelächter, Applaus und Musik.
Peter Trabner und Renan Cengiz treiben Dionysos in die Gegenwart: in eine Welt zwischen Selbstoptimierung und Absturzgefahr, zwischen Wohlstandspanik und Freiheitsversprechen, zwischen Kontrollzwang und der Sehnsucht, einmal wirklich loszulassen.
„Trabner ist eine Urgewalt auf der Bühne und ein unfassbares Improvisationstalent. Seine fulminanten Shows sind mitreißend, witzig, klug und sprühen nur so vor Spontanität.“ (asphalt Festival)
„Cengiz ist der Unerschöpfliche, der Kreative, der Sänger, Gitarrist, Texter, Komponist, Rezitator, Satiriker, Rapper, Autor und Politiker.“ (Rheinische Post)
„Dionysos hat Angst“ ist nach „Der Tod des Empedokles“ (2020) und „Das Leben des Diogenes“ (2022) der dritte Teil der Umwelttheater-Trilogie von Peter Trabner. Uraufgeführt würde das Stück 2024 beim beim asphalt Festival Düsseldorf.
Sündenwald und Hambacher Loch – Auf wessen Seite stehen wir?
Oder: Was geschieht, wenn ein Konzern sich einen Staat mietet
Vorbemerkung: Dieser Text ist ein Augenzeugenbericht und politischer Kommentar aus primär aktivistischer Perspektive. Er basiert auf Beobachtungen vor Ort, Ticker-Meldungen, Presseauskünften und eigenen Recherchen. Er erhebt keinen Anspruch auf vollkommene Neutralität, sondern versteht sich als engagierte Analyse eines politischen Konflikts.
Manheim-Alt, 18. November 2025 — Um fünf Uhr morgens, die Welt schwebt noch zwischen Nacht und Tag, beginnt eine Operation, die den letzten Rest des besetzten Manheimer Sündenwäldchens vollständig auslöschen wird. Es steht noch ein Hektar von ursprünglich sechs – den Großteil hatte RWE bereits im Winter gerodet. Nur der besetzte Teil blieb unerobert. Bis jetzt.
Das Aufgebot ist gewaltig: Dutzende Polizeiwagen, Radlader, Bulldozer, weit über 50 private Sicherheitskräfte der berüchtigten Werkschutz-Firma Mund. Ein aberwitziges Aufgebot für einen Hektar Wald und drei Handvoll Aktivisti. Warum der Aufwand?
Die Antwort liegt nicht im Wald, sondern in dem, was er symbolisiert: Widerstand gegen ein System, das Profite über Leben stellt. Und den will RWE brechen, mit Rückenwind der schwarz-grünen Landesregierung.
Erst räumen, dann durchsagen
Der Sicherheitsdienst trifft als erster ein, positioniert sich rund um das Waldstück und die Mahnwache an der Esperantostraße. Dann fährt die Polizeikolonne mit 40 bis 50 Einsatzwagen auf. Dabei sind die Polizei Rhein-Erft-Kreis, Bereitschaftspolizei-Hundertschaften und Höhenspezialisten, die eigens aus Bayern angereist sind. Der Bundestagsabgeordnete Fabian Fahl und die RVR-Abgeordnete Manu Cengiz Bechert von der Linken sind als parlamentarische Beobachtung schon früh vor Ort – eine der wenigen unabhängigen Perspektiven an diesem Tag. Auch Abgeordnete der Grünen aus dem NRW-Landtag treffen später ein, darunter Antje Grothus; sie bleiben allerdings nicht lange.
Um 7:22 Uhr gellen erste Schreie aus dem Wald. Um 8 Uhr erfolgt die Räumung der ersten Struktur „Narrenturm“. Eine Person wird kopfüber in die Schaufel eines Baggers gepackt und abtransportiert. Erst danach erfolgt die formale Durchsage, das Gelände zu verlassen.
Die Inszenierung der Gefahr
Wenig später behauptet die Polizei, im Sündenwäldchen befänden sich „mögliche Sprengvorrichtungen“; zur eigenen Sicherheit solle man den Wald umgehend verlassen. Ein Bombenräumkommando betritt das Gelände. Gleichzeitig – und hier wird die Situation grotesk – sind Arbeiter im Auftrag von RWE mit Kettensägen zu Gange. Für sie scheint die Warnung nicht zu gelten.
Die vermeintliche Gefahr hält aber sehr wohl jene in Schach, die beobachten könnten: Journalist:innen dürfen sich nur auf einem weit entfernten Areal aufhalten; von dort ist das Geschehen kaum einsehbar. Viele reisen bis zum Mittag frustriert ab. Parlamentarische Beobachter:innen dürfen ab 9:50 Uhr näher heran – aber nicht hinein. Die vermeintlichen Sprengvorrichtungen erweisen sich als „Attrappen“ – vermutlich harmlose Gebrauchsgegenstände aus dem Alltag der Waldbesetzung. Diese Art der Gefahreninszenierung wurde bereits bei der Räumung des benachbarten Hambacher Waldes als Taktik eingesetzt. Presse und Parlamentarier:innen äußern wiederholt den Wunsch, gemeinsam mit der Polizei in den Wald zu gehen. Das Anliegen wird auch nach der Entwarnung mit wechselnden Begründungen immer weiter in die Zukunft geschoben – und nie umgesetzt.
Es entsteht der Eindruck: Was im Wald geschieht, soll verborgen bleiben – wie die Polizei vorgeht, wie sie mit den Aktivisti umgeht, ob und welche Gewalt angewendet wird. RWE lässt sich ungern auf die Finger schauen – und scheint mit diesem Anliegen beim Innenministerium offene Türen einzurennen. Wegen seiner berüchtigten Verbindungen in die Landesverwaltung und -Politik hat sich der Konzern den Spitznamen NRWE eingehandelt.
Widerstand in den Kronen
Die Aktivisti kämpfen. Am „Tower“ hält eine selbstgebaute Tür zunächst stand – „die Tür ist stärker als die Cops“, heißt es im Telegram-Ticker der Besetzung. Die Polizei muss ein Loch ins Dach sägen. Bei der „Kanzlei“ scheitern zwei Hebebühnen; sie sind nicht hoch genug. Es sind kleine Siege in einem verlorenen Kampf – aber sie zeigen, dass Widerstand auch dann noch möglich ist, wenn er aussichtslos erscheint.
16 Personen, etwa 20 Strukturen, so lautet die Einschätzung der Polizei. Bis zum frühen Nachmittag sind nur noch drei Baumhäuser besetzt, ein weiteres steht leer. Der Rest ist zerstört. Dutzende Bäume werden gerodet. Dann fällt „Glühwürmchen“ – „Rest in Power“, kommentiert die Besetzung den Verlust des Baumhauses im Ticker.
Noch vor Einbruch der Dämmerung sind alle Strukturen zerstört, die Aktivisti abgeführt. Bis in den späten Abend fällt RWE die letzten Bäume mit Harvester, Bagger und Kettensägen. Was über Monate gewachsen ist – an Strukturen, an Gemeinschaft, an symbolischem Widerstand –, ist binnen Stunden ausgelöscht. Der Wald, der Lebensraum für geschützte Arten wie die Bechsteinfledermaus und Haselmaus war, ist weg.
Der letzte Morgen des Sündenwäldchens.Polizei und Secus umstellen das Gelände.Die Räumung beginnt.Die letzten Bäume des Sündis werden kurz nach Einbruch der Dunkelheit gefällt.Bilder: MaWa BuWi
Simulierte Staatsgewalt und strukturelle Schieflagen
Mehrfach blockieren RWE-Sicherheitskräfte den gesamten Tag über widerrechtlich die Zufahrtswege zur zweiten angemeldeten Mahnwache an der BUND-Wiese. Ein Security-Mitarbeiter gibt sich als Polizist aus, um Autorität vorzugaukeln, wo keine ist; ein hinzugezogener echter Polizist nennt das Amtsanmaßung. Die Zufahrt wird nach Interventionen freigegeben – bleibt aber den ganzen Tag umkämpft.
Hier zeigt sich eine strukturelle Verschiebung: Private Sicherheitskräfte, bezahlt von einem steuersubventionierten Großkonzern, maßen sich staatsgleiche Autorität an. Die Polizei greift auf Zuruf punktuell ein – aber nur, weil die Maskerade zu offensichtlich wird. die Staatsgewalt und ser private Sicherheitsdienst eines Großkonzerns sitzen im selben Boot.
Immerhin agiert die Polizei an diesem Tag überwiegend professionell. Im Vergleich zur Räumung des Hambacher Waldes 2018 fällt die Gewalt geringer aus; manche Beamte tragen sogar persönliche Gegenstände der abgeführten Aktivisti aus dem Wald. An anderen Stellen wird ihr Hab und Gut „wie Müll“ aus einem Baumhaus heruntergeworfen, wie im Ticker zu lesen ist; bei der Räumung des Monopods wenden Polizisten Schmerzgriffe an. Es kommt, wie so oft, auf die einzelnen Beamt:innen an – auf ihren Handlungsspielraum; auf die Art, wie ihnen begegnet wird.
Auf einem Video ist dokumentiert, wie ein Security-Mitarbeiter eine abgeführte Person beschimpft: „Was hat’s dir gebracht, du Penner!?“ Solche Szenen zeigen, wo Verachtung zu finden ist – nicht zwingend bei der Polizei, aber im System, das sie hier durchsetzt.
Hier, am 18. November, ist die Polizei nicht angerückt, um das Gemeinwohl zu schützen – sie schützt die Interessen eines Konzerns. Das ist keine Frage des Verhaltens einzelner Beamter, sondern der strukturellen Rolle. Diese Kritik an der institutionellen Funktion muss sich jeder Mensch gefallen lassen, der sich in den Staatsdienst stellt.
Bilder der Räumung aus dem Sündi-Ticker (hier und hier; (c) was)
Gesa: Schikane mit System
Die meisten Aktivisti werden bis zum Abend aus der Gesa (Gefangenensammelstelle) entlassen. Vier werden in verlängertes Gewahrsam genommen, ins Polizeirevier Köln-Kalk verlegt. Die Vorwürfe: Fingerkuppen verklebt, um die Identitätsfeststellung zu verhindern; versuchte gefährliche Körperverletzung; Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Das Gericht ordnet daraufhin Gewahrsam für sieben Tage an.
Über den Ticker wird vom Geschick der Gefangenen berichtet: Mehr als 24 Stunden lang soll die Polizei ihnen veganes Essen verweigert haben; mindestens eine Person habe deshalb nichts gegessen. Fast 48 Stunden lang sollen die vier in kalten Zellen gesessen haben – in nasser, beschmutzter Kleidung vom Tag der Räumung. Die Polizei soll frische Kleidung und ausreichend Kälteschutz verweigert haben. Bücher seien nicht durchgelassen worden.
Im Ticker der Waldbesetzung heißt es: „NRWE greift sich 4 von uns, doch gemeint sind wir alle.“ Die Repression entlädt sich an einzelnen Personen, richtet sich aber gegen eine Bewegung. Die Botschaft: Widerstand wird bestraft. Egal, ob er sinnvoll, ethisch berechtigt ist oder nicht. Einige wird das einschüchtern. Andere werden sagen: Jetzt erst recht.
Für wen der Wald fiel
RWE will im Sündenwäldchen Sand und Kies für die Böschungen des geplanten Hambacher Sees gewinnen. Keine Braunkohle. Ab 2030 soll das Tagebauloch mit Wasser geflutet werden – als „Erholungsgebiet“ mit Yachthafen und künstlichen Inseln. Ein Freizeitpark auf den Trümmern eines Ökosystems; Luxus auf den Ruinen der Natur. Landraub, Naturzerstörung und Grundwasservergiftung für Konzerninteressen.
Die Genehmigung dafür erteilte das Bergamt unter Verantwortung von Wirtschaftsministerin Mona Neubaur – Bündnis 90/Die Grünen. Umweltminister Oliver Krischer, ebenfalls Grüne, verteidigte die Pläne und sprach von einem geplanten Waldkorridor als „Fortschritt für den Naturschutz“. Eine Aussage, die sich leicht entlarven lässt. Man mag es kaum glauben, aber ja: Das ist die Partei, die einst den Hambacher Wald zur Ikone ihres Widerstands machte – und nun in der Regierung die Rodung des Sündenwäldchens ermöglicht. Die Ironie ist bitter; die Heuchelei offensichtlich.
Fabian Fahl von der Linken bringt es auf den Punkt: „Seit Jahrzehnten werden hier im Revier über die Köpfe der Menschen hinweg und auf Kosten der Natur Konzerninteressen mit dem Ziel der Profitmaximierung auch mit Hilfe der Staatsgewalt durchgeboxt.“ Er spricht vom „perfiden Geschäftsmodell von RWE.“ Die Linke, sagt er, sei die einzige größere Partei gewesen, die sich gegen die Rodung stellte.
Das Sündenwäldchen war Lebensraum für die geschützte Bechsteinfledermaus und die Haselmaus; es sollte ein ökologischer Trittstein zwischen Hambacher Wald und Steinheide werden. „Angesichts der Klimakrise brauchen wir jeden Baum und jedes intakte Ökosystem“, sagt Fahl. In der Logik des Kapitals – und, wie sich zeigt, auch in der Logik grüner Realpolitik – zählen Bäume offenbar nur, wenn sie Profit abwerfen oder politisch opportun sind.
Die Heuchelei hat ein Datum
Während in Belém die UN-Klimakonferenz COP30 über Klimagerechtigkeit verhandelt, räumt in Deutschland die Polizei im Auftrag eines Energiekonzerns Klimaaktivist:inen aus dem Wald. Dieselben politischen Kräfte, die auf internationalen Bühnen von 1,5 Grad und Transformation reden, setzen zu Hause Polizei ein, um die Interessen fossiler Konzerne durchzusetzen.
Die Widersprüche sind nicht neu, aber selten waren sie so greifbar. Am 18. November 2025, während Regierungsvertreter in Baku über die Rettung des Planeten diskutierten, wurde in Manheim ein Wald endgültig vernichtet – nicht trotz der Klimakrise, sondern inmitten von ihr. Nicht heimlich, sondern unter Polizeischutz. Nicht gegen das Gesetz, sondern mit seiner Hilfe.
Trudi aus der Waldbesetzung sagt: „Hier werden Aktivist*innen geräumt und kriminalisiert, dabei sind die Konzernchefs und Politikerinnen, die mit ihnen gemeinsame Sache machen, die wahren Kriminellen.“ Das ist weniger Polemik als vielmehr eine Frage der Perspektive. Wer definiert, was kriminell ist? Jene, die Wälder schützen – oder jene, die sie zerstören?
Eine Frage bleibt
Über Funk riefen Unterstützer:innen den Aktivisti im Wald zu: „We love you! Stay strong! Ihr seid nicht allein!“ Von anderen Waldbesetzungen kamen Solidaritätsbekundungen: „Sündi lebt! Alle Wälder bleiben!“
Am Ende des Tages ist das Sündenwäldchen verschwunden. Ein Hektar Wald, ein Jahr Widerstand, Dutzende Bäume – alles weg. Vier Menschen sitzen in kalten Zellen in Köln. RWE hat Sand und Kies für die Böschungen seines künftigen Sees – der Konzern hat seine Interessen durchgesetzt. Die Frage ist, was wir daraus machen.
Was dieser Tag zeigt: Der Staat ist nicht neutral. Pressefreiheit wird beschränkt, wo Konzerninteressen dominieren. Grüne in der Regierung handeln anders als Grüne in der Opposition. Widerstand ist möglich, aber er hat seinen Preis – und den zahlen jene, die ihn leisten.
Das Sündenwäldchen gibt es nicht mehr. Die Frage, die es stellt, bleibt. Es ist keine abstrakte Frage. Sie lautet: Auf wessen Seite stehen wir? Und sie stellt sich nicht nur in Manheim. Sie stellt sich überall dort, wo Menschen entscheiden müssen, ob sie zusehen wollen oder handeln. Das beginnt im Privaten – und endet auf dem Weltklimagipfel.
Nachtrag
Die „Sündi 4″ wurden am 25.11. freigelassen. Die Mahnwache an der Esperantostraße bestand noch einige Tage nach der Räumung, auf Druck von RWE wurde eine Verlängerung verweigert und die MaWa wurde abgebaut. Die umgebende Obstwiese mitsamt Buschwerk wurde bald danach gerodet, das Gelände verwüstet. Die Mahnwache an der BUND-Wiese hatte noch einige Tage länger Bestand, ist nun aber ebenfalls abgebaut und seit dem 04.12. ruhend gemeldet. Es finden dort jedoch weiterhin Spagiergänge und andere Events an den Sonntagen statt – ein Besuch ist dringend zu empfehlen und hilft, den Widerstand aufrecht zu erhalten. Der Bagger tut nur wenige Meter von der kleinen Wiese mit dem großen gelben X sein zerstörerisches Werk.
Das Gelände der Mahnwache an der Esperantostraße nach der Verwüstung durch RWE. (Quelle: Ticker)Die Mahnwache an der BUND-Wiese kurz vor dem Abbau. (Quelle: Ticker)
Weitere Quellen
Augenzeugenberichte vor Ort (18.11.2025)
Sündi Bleibt Ticker (Telegram, 18.–20.11.2025; am 5.12.25 umbenannt in „Sündi Lebt Ticker)
Wir befinden uns im Jahr 2025 nach Christus. Alle Privatflächen Manheims wurde von RWE aufgekauft. Alle Flächen? Nein! Eine von unbeugsamen Naturschützer:innen verteidigte Wiese hört nicht auf, sich der Zwangsenteignung zu widersetzen. Auf dieser Wiese steht seit rund drei Wochen eine ständige Mahnwache, die Mahnwache auf der BUND-Wiese; kurz: MaWaBuWi.
Die Wiese der Unbeugsamen (Symbolbild; Claude Sonnet 4.0)
Die privaten Anmelder:innen der Mahnwache am Rand des Tagebaus Hambach zwischen den Resten des Hambacher Walds und des besetzten Sündenwäldchens protestieren nicht nur gegen ein weiteres Abbaggern und Roden. Das profitfokussierte Handeln RWEs steht Pate für drei existenzielle Krisen, die hier auf engem Raum zusammentreffen: Landnahme, Naturzerstörung und Grundwasservergiftung. Genau darauf will die Mahnwache aufmerksam machen und nach Kräften dagegenhalten.
Was auf den ersten Blick wie lokale Konflikte um ein paar Hektar Wald aussieht, ist in Wirklichkeit ein Brennglas für das größte vom Menschen verursachte Umweltverbrechen in Nordrhein-Westfalen – mit Folgen, die noch Jahrhunderte nachwirken werden.
Das Manheimer Loch: RWEs nächster Schlag
RWE plant mit der sogenannten Manheimer Bucht – von Kritikern treffender Manheimer Loch geschimpft – die Erweiterung des Tagebaus Hambach um etwa 250 Hektar im Südosten. Auf dieser Fläche soll allerdings keine Kohle, sondern 235 Millionen Kubikmeter Bodenmaterial gewonnen werden: Sand und Kies; Material für Verfüllungen und Deponien, während gleichzeitig die letzten grünen Korridore zwischen Hambacher Wald, Steinheide und Merzenicher Erbwald durchtrennt werden.[1],[2]
Das Manheimer Loch (Bild: BUND NRW; Kartengrundlage: RWE)
60 Meter tief soll das Loch klaffen. Was RWE da als „geordnete Rekultivierung“ verkauft, bedeutet in der Praxis: Die letzten funktionierenden Waldverbindungen verschwinden, geschützte Arten verlieren ihre Wanderkorridore und ein weiteres Stück Kulturlandschaft wird zum Restsee degradiert. Die Reste des Sündenwäldchens und ein dünner Baum- und Strauchstreifen bilden den letzten Riegel vor dieser Zerstörung.[1],[2]
Landnahme: Wenn Gemeinwohl zum Vorwand wird
RWE hat für den Tagebau Hambach seit den 1970er Jahren eine beispiellose Landnahme vollzogen: Mehr als 4.000 Hektar (40 km²) Natur- und Siedlungsraum sind dem Kohleabbau zum Opfer gefallen. Die Bewohner:innen historischer Dörfer wurden enteignet, ihre Heimat weggebaggert – alles im Namen des „öffentlichen Interesses“ für die Energieversorgung.[1],[3]
Erst ab 2017 wendete sich das Blatt; der jahrelange zivile Kampf gegen Braunkohle und für den Hambacher Wald trug Früchte. Die Rodungssaison wurde 2017 kurzfristig ausgesetzt, die seit 2012 bestehende Waldbesetzung blieb stabil.[4],[13],[14]
Im Oktober 2018, kurz vor der nächsten Rodungssaison, demonstrierten über 50.000 Menschen gegen die Zerstörung des Waldes – die bis dahin größte Anti-Kohle-Demonstration Deutschlands. Räumung und Rodung zogen sich wochenlang hin und die Lage eskalierte immer weiter, bis das OVG Münster auf eine Eilklage des BUND hin den Rodungsstopp verhängte. Drei Jahre später beantragte der BUND die Aufhebung der Enteignungen für die Manheimer Bucht – mit der Begründung, dass durch den beschlossenen Kohleausstieg 2030 das öffentliche Interesse nicht mehr bestehen würde. Die Klage wurde abgelehnt, doch sie legte offen: RWE nutzt Bergrecht und Enteignungsmacht, um auch nach dem Kohleausstieg Profite zu sichern – diesmal mit Sand, Kies und Deponiegeschäften.[3],[4],[5]
Barrio im Hambacher Wald, Februar 2018, MaricaVitt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das Manheimer Loch steht für eine perverse Fortsetzung der Landnahme: Zerstörung ohne Energiegewinn, nur um Altlasten zu verwalten und neue Geschäftsfelder zu erschließen.[1]
Naturzerstörung: Wenn Ökosysteme zerrissen werden
Der Hambacher Wald ist kein gewöhnlicher Wald. Er beherbergt europaweit geschützte Lebensraumtypen, darunter rund 200 Hektar des prioritären Eichen-Hainbuchenwaldes (LRT 9160). Hier leben die Bechsteinfledermaus in landesweit bedeutsamen Populationen, die Haselmaus, der Mittelspecht und der Springfrosch – Arten, die auf vernetzte Waldstrukturen angewiesen sind.[2],[6]
Das Sündenwäldchen ist dabei nicht nur irgendein Waldstück, sondern ein ökologischer Trittstein: Es verbindet den Hambacher Wald mit den FFH-Schutzgebiet Steinheide sowie dem Merzenicher Erbwald und ermöglicht den genetischen Austausch zwischen isolierten Populationen. Diese Wälder müssen vernetzt bleiben – Dirk Jansen vom BUND NRW spricht von einem „funktionierenden Biotopverbund“, der durch die Rodung unwiderruflich zerschnitten würde.[2],[7]
RWE argumentiert mit Ausgleichsmaßnahmen und künstlichen „Trittsteinen“ – doch in wissenschaftlichen Untersuchungen wurde deutlich: Ersatzhabitate können alte Wälder nicht ersetzen. Der Hambacher Wald zeichnet sich durch außergewöhnlichen Totholzreichtum, ein spezifisches Mikroklima und jahrhundertealte Baumbestände aus – Qualitäten, die nicht einfach „rekultiviert“ werden können.[6]
Was als Ausgleichsmaßnahmen verkauft wird, ist de facto das stumpfe Anpflanzen junger Bäume, die erst nach Jahrzehnten einen entsprechenden ökologischen Ausgleich bieten können. Ein funktionierendes Ökosystem lässt sich nicht aus dem hut zaubern; es braucht Raum, Zeit und Ruhe, um zu entstehen. Erst dann könnte es den Arten, die jetzt gefährdet sind, wieder als Lebensraum dienen – Jahrzehnte zu spät.
Die Umsetzung der RWE-Pläne würde auch über 50 Brutvogelarten des Offenlandes betreffen und rund 90 Hektar ihres Lebensraum vernichten. Es geht also nicht nur um Bäume – es geht um ganze, über Jahrhunderte gewachsene Ökosysteme.[1],[6]
Grundwasservergiftung – die unsichtbare Katastrophe
Die vielleicht dramatischste Folge des Tagebaus bleibt unsichtbar unter der Erde: die hydrologische Zerstörung der Region. Um die Kohle abbauen zu können, muss RWE das Grundwasser abpumpen – und zwar massiv. 2023 waren es 489 Millionen Kubikmeter, im Jahr zuvor sogar 510 Millionen. Diese sogenannte „Sümpfung“ hat ein Grundwasserdefizit von 20 Milliarden Kubikmetern verursacht – eine Wassermenge, die etwa dem 15-fachen Volumen des Edersees entspricht.[8],[9]
Die Folgen sind katastrophal:[9],[10],[20]
Das Grundwasser wurde künstlich um mehr als 500 Meter abgesenkt.
Eine Fläche von 3.200 Quadratkilometern ist direkt betroffen – das sind zehn Prozent der Fläche Nordrhein-Westfalens. Die indirekten Auswirkungen sind bis in die Niederlande und nach Belgien zu spüren.
Nach dem Kohleausstieg 2030 können die Pumpen nicht einfach abgestellt werden – sie müssen noch etwa 300 Jahre weiterlaufen, um den Wiederanstieg des Grundwassers kontrolliert zu steuern. Würde man sie sofort stoppen, würde das Wasser unkontrolliert ansteigen und ganze Regionen überfluten. Erst danach kann sich ein neues hydrologisches Gleichgewicht einstellen.
Das Wasserbündnis Rheinisches Revier spricht von einem „hydrologischen Infarkt“. Der BUND NRW verwendet den Begriff „Grundwasserstress“ – betroffen sind 32 von 54 Kreisen in NRW. Die Grundwasserneubildung ist gestört, Brunnen fallen trocken, Feuchtgebiete verschwinden.[8],[9],[11],[20]
Und das ist erst die halbe Wahrheit. Wenn das Grundwasser nach Stillegung der Pumpen wieder steigt, werden die Restseen des Tagebaus geflutet – mit Wasser, das durch sulfathaltige Schichten fließt und sich in aggressive Schwefelsäure verwandelt.
In der Lausitz zeigt sich bereits, wohin das führt: Durch die Pyrit- und Markasitverwitterung in den belüfteten Bodenschichten entstehen beim Grundwasserwiederanstieg Sulfat, Eisen und Säure, die ins Grundwasser gelangen. Die Folge: versauerte Seen, Verockerung der Spree mit braunem Eisenschlamm und eine Grundwasserversauerung, die die Trinkwassergewinnung auf Jahrhunderte gefährdet. Sieben von 70 sächsischen Grundwasserkörpern erreichen wegen des Braunkohlebergbaus nicht den „guten chemischen Zustand“ nach EU-Wasserrahmenrichtlinie – und werden ihn auch in absehbarer Zeit nicht erreichen.
Die Wasserqualität der geplanten Hambacher Seen ist ungewiss, die Nutzung als Trinkwasser oder für die Landwirtschaft unwahrscheinlich. Was RWE als „Seenlandschaft“ vermarktet, könnte zur toxischen Altlast werden – wie die Situation in der Lausitz bereits heute schmerzhaft zeigt.[5],[17],[18],[19]
Die Zusammenhänge: Alles ist mit allem verbunden
Landnahme, Naturzerstörung und Grundwasservergiftung sind keine isolierten Probleme – sie verstärken sich gegenseitig und folgen einer gemeinsamen Logik:
Die Landnahme vernichtet nicht nur Siedlungen, sondern auch jahrhundertealte Kulturlandschaften, Äcker und Wälder. Das allein ist dramatisch genug. Zusätzlich könnten diese Flächen in ihrer heutigen Form zur Grundwasserneubildung beitragen – stattdessen entstehen wasserundurchlässige Restseen.[12],[15],[21]
Die Naturzerstörung zerschneidet Biotopverbünde und eliminiert Arten, die unverzichtbar zu intakten Ökosystemen beitragen. Wo Wälder verschwinden, verstärkt sich auch die Trockenheit – der Wald ist selbst ein Wasserspeicher und Klimaregulator. Schon jetzt leidet der Hambacher Wald unter den Trockenfolgen des angrenzenden Lochs: Der Tagebau erreichte im Hitzesommer 2018 Bodentemperaturen von über 45°C und zeitigt Temperaturunterschiede von bis zu 19° C zwischen Grube und Waldinnerem. Die aufsteigende Hitze wirkt wie ein riesiger Fön und saugt die Feuchtigkeit aus dem angrenzenden Wald. Fehlende Pufferzonen und die massiven Grundwasserabsenkungen setzen den Bäumen zusätzlich zu.[5],[19]
Die Grundwasservergiftung macht echte Renaturierung unmöglich. Wenn das abgepumpte Grundwasser nach Stillegung der Pumpen wieder steigt und die geplanten Restseen flutet, entsteht durch Kontakt mit sulfathaltigen Schichten aggressive Schwefelsäure, die das Wasser nachhaltig vergiftet und eine Nutzung für Mensch, Tier und Landwirtschaft extrem unwahrscheinlich macht.[5],[19]
Was alle drei Krisen verbindet, ist die Profitlogik von RWE: Selbst nach dem Kohleausstieg 2030 wird weiter gerodet – nicht mehr für Energie, sondern für Kies, Sand und Deponiegeschäfte. Die Manheimer Bucht liefert 235 Millionen Kubikmeter Material, das RWE nutzen und verkaufen kann. Die Kosten der Zerstörung – versauertes Grundwasser, verlorene Ökosysteme, 300 Jahre Pumpbetrieb – trägt die Allgemeinheit. Der Profit bleibt privat.[1]
Warum Protest jetzt wichtig ist
Die Mahnwache auf der BUND-Wiese und die Besetzung des Sündenwäldchens sind mehr als ein symbolischer Protest. Sie machen sichtbar, was Politik und Wirtschaft gerne verschweigen: Die Zerstörung geht weiter – auch nach dem Kohleausstieg, auch trotz Klimakrise, auch trotz rechtlicher Bedenken.
Als ehemaliger Mandatsträger von Die PARTEI und ehemaliger freier Mitarbeiter der Fraktion PARTEI/Klimaliste in Düsseldorf ist es mir ein Bedürfnis, mich deutlich und ausdrücklich von der jüngsten Bildung einer Ratsgruppe mit Torsten Lemmer (Tierschutzpartei Düsseldorf) und Jürgen Krüger (Freie Wähler) unter Beteiligung von Die PARTEI in Düsseldorf zu distanzieren. Ich schließe mich damit der Distanzierung des Ehrenlandesvorstands der PARTEI NRW vom 2. November 2025 an.
Torsten Lemmer wurde 2009 rechtskräftig wegen Volksverhetzung verurteilt, nachdem nachgewiesen wurde, dass er noch Jahre nach seinem angeblichen Ausstieg 2001 im Vertrieb rechtsextremer Musik tätig war. Die bundesweite Tierschutzpartei warnt explizit vor der Düsseldorfer Gruppierung um Lemmer und bezeichnet sie als rechtsunterwandert.
Jürgen Krüger wurde 2005 wegen Holocaust-Verharmlosung zu einer Geldstrafe verurteilt. Zur Kommunalwahl 2025 stellten die Freien Wähler Düsseldorf mit Manuel Senk einen mehrfach vorbestraften Neonazi-Skinhead und Rechtsrock-Musiker auf – das ist nicht Geschichte, das ist gegenwärtiges rechtes Engagement.
Eine antifaschistische Satirepartei kann ihre Glaubwürdigkeit nicht bewahren, wenn sie sich mit Personen verbündet, die wegen rechtsextremer Straftaten verurteilt wurden und deren Nähe zur rechtsextremen Szene bis heute Bestand hat. Die strukturellen oder finanziellen Vorteile einer Ratsgruppe rechtfertigen nicht die Aufgabe grundlegender politischer Prinzipien. Diese Gruppenbildung widerspricht fundamental dem Selbstverständnis und den Grundwerten von Die PARTEI, wie ich sie kennen gelernt und gelebt habe.
Ich bleibe meiner antifaschistischen Überzeugung und linken Grundwerten verpflichtet. Diese Entscheidung zur Ratsgruppenbildung kann ich nicht nachvollziehen und lehne sie ab.
Ich schreibe diesen Text in unserem Camper. Aus dem Fenster hinter mir blickst du auf das größte Loch Europas, den Tagebau Hambach, für den Dörfer, Straßen, Wälder weichen mussten. Aus dem Fenster vor mir auf ein winziges Grundstück des BUND, der sich seit Jahren erfolgreich dagegen wehrt, weggebaggert zu werden, und das seit letzten Sonntag eine Mahnwache gegen Landraub, Naturzerstörung und Grundwasservergiftung beherbergt. Schaust du aus dem Fenster nach links, kannst du ein Wäldchen sehen, in dem Banner und Baumhäuser in den Bäumen hängen: das Sündenwäldchen; von seinen Beschützer:innen liebevoll Sündi genannt. Wir sind hier, um zu helfen, den Sündi und die umgebende Naturlandschaft vor den Baggern zu retten.
Die Mahnwach BUND-Wiese
Warum der Sündi bleiben muss
Wir stehen nur einige Meter vom Rand des legendären Hambacher Walds entfernt. Unweit des Urwalds, wo einst Barrikaden und Baumhäuser Geschichte schrieben, hängen wieder Menschen in den Ästen, um den nächsten Wald vor Baggern und Harvestern zu schützen. Der Sündi war einst sechs Hektar groß – RWE hat bereits den Großteil gerodet, doch selbst der verbliebene Hektar ist noch ein entscheidendes Stück Natur: Es verbindet den Hambi mit den benachbarten Wäldern Steinheide und Manheimer Bürge.
Genau diese Verbindung soll nun fallen. RWE will hier die sogenannte „Manheimer Bucht“ erweitern, unterstützt von der Landesregierung. Dabei wurde das Gebiet offiziell als Waldvernetzungszone ausgewiesen – als Lebensader für Arten wie Bechsteinfledermaus, Haselmaus, Springfrosch und Mittelspecht, die nur in zusammenhängenden Wäldern überleben können.
Der BUND NRW hatte am 3. Januar 2025 Klage eingereicht, um die Rodung zu stoppen – die wurde abgewiesen. Gelingt es trotz allem Bemühen nicht, das Wäldchen zu retten, droht das letzte grüne Band zwischen den alten Wäldern zu reißen – und mit ihm ein weiteres Stück Glaubwürdigkeit in Sachen Renaturierung und Klimaschutz.
Gerodet werden darf nicht immer – Anfang Oktober startet die Saison, bis Ende Februar könnten die Bagger ausrücken. Die Mahnwache Lützerath, ein ständiges Protestcamp nahe des Sündenwäldchens, ruft gerade jetzt zur Unterstützung auf. Je kälter, dunkler und nasser die Tage, desto weniger Menschen sind vor Ort, um RWE und den Polizeikräften auf die Finger zu schauen. Aus der Vergangenheit hat sich gezeigt: Gewalt und illegales Verhalten der übermächtigen, halb staatlich, halb privaten Räumungs- und Rodungstrupps ist weniger wahrscheinlich, wenn viele Menschen draufschauen, wenn Presse und parlamentarische Beobachter:innen vor Ort sind.
Hambi 2018: Ein Lehrstück eskalierter Staatsgewalt
In der Presse war oft verkürzt zu lesen, es hätte Aggressionen auf beiden Seiten gegeben, also auch auf Seiten der Aktivist:innen. Das anzusprechen ist wichtig – denn es offenbart einen Fehlschluss, der die Wahrheit gefährlich verzieht:
Im Hambacher Forst wurde ein Machtungleichgewicht deutlich, das sich nicht schönreden lässt. Ja, es gab Berichte, Aktivist:innen hätten Steine, Zwillen oder Pyrotechnik eingesetzt – punktuell und defensiv. Belegt wurde dies nicht, entsprechende Funde entpuppten sich als alte Asservatenrelikte vergangener Jahre, mutmaßliche Sprengfallen als eingegrabene alte Feuerlöscher. Eine Aktivistin wurde 2019 wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung verurteilt, nachdem sie einer Polizistin bei der Räumung ins Gesicht zu treten versuchte – darüber hinaus gibt es keine dokumentierten rechtskräftigen Verurteilungen wegen Gewalt gegen Menschen.
Besonders pikant ist die gerichtliche Feststellung, dass die Räumung nicht rechtens war. Damit war der staatliche Gewaltapparat nicht mehr „neutral“, sondern rechtswidrig gegen Menschen und Lebensräume gerichtet.
Wer hier stumpf von „beidseitigen Opfern“ spricht, verkennt die Realität: Die Eskalationsmacht lag eindeutig bei der Staatsgewalt, Aktivist:innen waren nur die symbolische Front im Wald. Das ist kein Gleichgewicht, das ist ein Schlaglicht auf ein Gewaltmonopol, das mitunter seine Legitimität verliert. Und gerade deshalb gilt es auch im Sündi sehr genau hinzuschauen.
Eine neue Mahnwache
Die Mahnwache auf der BUND-Wiese wurde an dem Tag eingerichtet, an dem ich als Musiker vor Ort war, um ein Soli-Konzert zu spielen. Geplant war, einige Tage später wieder zu fahren. Aber diese Pläne sind passé: Wir unterstützen die Mahnwache auf der BUND-Wiese nun auf unbestimmte Zeit – einfach, weil es wichtig ist.
Am kommenden Sonntag hast du die Gelegenheit, am monatlichen Dorf-Spaziergang teilzunehmen, der an der MaWa Lützerath beginnt und an der MaWa BUND-Wiese endet. Ich werde dich dort erneut mit meiner Gitarre begrüßen – und wir laden dich ein, mit uns Spiele zu spielen, ins Gespräch zu kommen, dich auf eine möglichst angenehme Art über das Übel zu informieren, das hier Alltag ist.
Und vielleicht findest auch du ja die Zeit oder die Mittel, an einer der vielen Baustellen zu helfen, an denen hier täglich gearbeitet wird. Für intakte Ökosysteme. Für überlebenswichtige Naturräume. Für sauberes Trinkwasser. Für den Sündi – und eigentlich die ganze Welt.
KPiP, das sind drei Tage im Juni, die zeigten, was passiert, wenn eine Stadt ihre Seele entdeckt. Eigentlich sind es deutlich mehr als drei Tage – eine gute Woche vorher beginnt der Aufbau im Park, und für meine Frau und mich sind dann schon Monate der Organisation ins Land gezogen und viele Nerven mussten ihr Leben lassen.
Beim KPiP-Festival im Stadtpark Rheinberg geht es um weit mehr als nur Musik und Budenzauber – es ist ein Statement; ein Bekenntnis zu dem Glitzerkit, der uns als Gesellschaft wirklich zusammenhält: gemeinsam ein Wir zu feiern, das größer, vielfältiger und durchdringender ist, als ein Einzelhirn je erfassen könnte. Aus diesem Gemeinschaftsgeist heraus können wir uns identifizieren – er betont unsere Gemeinsamkeiten, nicht unsere Unterschiede.
Unter neuer Flagge
Seit 2025 wird das Festival vom KulturVallanisten e.V. getragen, einem gemeinnützigen Verein, der aus der Kulturinitiative Spanischer Vallan hervorgegangen ist. Unter der Leitung von Manu Cengiz Bechert und Renan Cengiz steht der KulturVallanisten e.V. für gelebte Kulturvielfalt, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft in Rheinberg. Er macht den Spanischen Vallan und das Festival zu einem lebendigen Kulturort, an dem Menschen jeden Alters zusammenkommen.
Beats, Bock und Begegnung
Freitag regierten abermals die DJs den Park. Elektronische Klangkunst, tanzende Körper, totale Ekstase. Samstag spannten unsere Bühnenkünstler den großen Bogen von Punk bis Jazz, während Kreativmarkt und Rahmenprogramm richtig Fahrt aufnahmen. Sonntag dann der familiäre Ausklang, vom Morgenyoga bis zum Abschied am Abend. Mehr als 6.000 Menschen fanden dieses Jahr ihren Platz zwischen den Bäumen des Stadtparks – Menschen aller Generationen, aus allen Ecken der Gesellschaft, Menschen aus der Stadt, der Region, aus Deutschland und dem Ausland.
Die stillen Held*innen des Festivals
Zählt man alles zusammen, haben rund 200 Helfer*innen das Festival getragen – die meisten von ihnen ehrenamtlich. Manche nur für eine Stunde, manche für Wochen. Mit Hingabe, Schweiß – und einer guten Portion Idealismus. Ohne euch gäbe es kein KPiP – und das meinen wir ernst. Danke für jede Minute, jeden Handgriff, jedes Lächeln, jede Idee.
Nachhaltig gut
Vegan essen, Müll vermeiden, mit dem Rad anreisen – nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung: Wir beweisen, dass Kultur und Verantwortung keine Gegensätze sind. Und dass Nachhaltigkeit mehr bedeutet, als irgendwas fürs Klima zu tun. Für uns gehört genauso dazu, dem künstlerischen und kulturellen Nachwuchs aus der Region unter die Arme zu greifen, Menschen zusammenzubringen, Ideen reifen zu lassen und Räume zu schaffen, die abseits der großen Maschinerie funktionieren, Freiheit aushalten und die Akteur*innen und Besucher*innen nicht nur beieinander, sondern erst einmal bei sich selbst ankommen zu lassen.
Dank an alle, die uns vertrauen
Unsere Sponsor*innen und Partnerinnen machen möglich, wovon viele träumen: ein Festival ohne kommerzielle Logik, aber mit kultureller Substanz. Euer Vertrauen trägt uns. Dank auf dafür.
Für alle, die noch einmal zurückblicken wollen, gibt’s hier ein PDF mit O-Tönen, Fotos – und gleichzeitig Informationen für potenzielle Sponsor*innen. Gern an geeignete Stelle weiterreichen!
Auf ein Neues 2026?
Das fünfte KPiP könnte kommen – sofern die wichtigen Weichen richtig einklicken. Zeit, Geld und Können sind gefragt – wir geben unser Bestes, um Rheinberg auch im fünften Jahr zu zeigen, dass Kultur keine Frage der Größe ist, sondern der Haltung. Wir sehen uns im Stadtpark!
Bei Facebook wurde mir wiederholt vorgeworfen, als Mitglied der Linkspartei ein „Mauerschütze“ oder „SEDler“ zu sein. Diese Vorwürfe verwundern mich besonders, da meine Familie mütterlicherseits aus der DDR stammt und kurz vor der Mauerschließung 1961 geflohen ist – gerade weil sie das SED-Regime und seine Unterdrückung ablehnte. Umso wichtiger ist es mir, die historischen Fakten geradezurücken und zu zeigen: Alle deutschen Parteien haben problematische geschichtliche Kontinuitäten. Aber nicht alle gehen offen damit um.
Das Kontinuitätsproblem
Die Wahrheit ist: Nach demokratischen Umbrüchen müssen sich alle Parteien mit belasteten Biografien auseinandersetzen. 1945 nach dem Nazi-Regime, 1989/90 nach der DDR-Diktatur – immer stand die deutsche Politik vor derselben Herausforderung: Eine Demokratie lässt sich nicht nur mit den wenigen aufbauen, die echten Widerstand geleistet haben.
SPD: Bewusste Öffnung für Ex-Nazis
Die SPD beschloss 1946 auf dem Hannoveraner Parteitag bewusst, ehemalige NSDAP-Mitglieder aufzunehmen, wenn sie zwei sozialdemokratische Bürgen hatten. Bundesminister Horst Ehmke war NSDAP-Mitglied. Die SPD kritisierte zunächst sogar die Nürnberger Prozesse und trat für Überprüfung alliierter Urteile ein.
FDP: Über 50 Prozent Ex-Nazis in der Fraktion
Bei der FDP war die Nazi-Kontinuität noch extremer: Über 50 Prozent der Bundestagsfraktion der 1950er Jahre waren ehemalige NSDAP-Mitglieder. 1953 verhafteten die Briten sogar den „Naumann-Kreis“ – ehemalige NS-Funktionäre, die systematisch die FDP unterwanderten. Selbst spätere Spitzenpolitiker wie Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel (beide Außenminister/Bundespräsidenten) waren NSDAP-Mitglieder.
Grüne mit braunen Flecken
Selbst die erst 1980 gegründeten Grünen hatten problematische Gründerväter: Baldur Springmann war SA-, SS- und NSDAP-Mitglied. Werner Vogel war SA-Sturmführer und NSDAP-Mitglied. Luise Rinser, 1984 Grüne Bundespräsidenten-Kandidatin, verfasste hymnische Hitler-Gedichte.
CDU/CSU: 85 Funktionäre mit Nazi-Vergangenheit
Die CDU hatte nach 1945 65 hohe Funktionäre mit NSDAP-Mitgliedschaft, die CSU 20 Politiker. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger war von 1933 bis 1945 NSDAP-Mitglied. Bundespräsident Karl Carstens war nicht nur NSDAP-Mitglied, sondern auch SA-Angehöriger. Zum Ende der Adenauer-Ära waren alle sechs Abteilungsleiter des Bundesinnenministeriums ehemalige NSDAP-Mitglieder – einer zusätzlich bei der SS, fünf bei der SA.
CDU und SED-Zuwanderung
Doch die CDU hat nicht nur eine Nazi-Vergangenheit, sondern auch eine problematische SED-Kontinuität. Als ehemalige DDR-Blockpartei kooperierte die Ost-CDU jahrzehntelang mit dem SED-Regime. Nach der Wiedervereinigung wechselten prominente Ex-SED-Mitglieder direkt zur CDU: Henry Worm (SED-Mitglied 1982 bis 1989), Svend-Gunnar Kirmes (SED-Mitglied 1971 bis 1989) oder Dieter Althaus (ehemaliger Ministerpräsident Thüringens). Der Politikwissenschaftler Michael Lühmann fasst zusammen: „Personell ist die CDU ein ganzes Stück weit Nachfolgepartei nicht nur der Ost-CDU, sondern auch der SED.“
Ex-SEDler bei AfD und BSW
Auch neuere Parteien weisen SED-Kontinuitäten auf. Die AfD führt mehrere Kandidaten mit SED-Vergangenheit auf ihren Listen, darunter Ulrich Oehme und René Bochmann. Selbst das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) vereint prominente Ex-SED-Mitglieder wie Sahra Wagenknecht selbst, die 1989 mit 20 Jahren demonstrativ in die SED eintrat, oder Uta Knebel, die in den 80er Jahren SED-Mitglied war.
Die Linke: Rechtlich SED-Nachfolgerin, politisch demokratische Opposition
Ja, Die Linke ist rechtlich die SED-Nachfolgepartei – das hat Bundesschatzmeister Karl Holluba 2009 vor Gericht bestätigt. Aber politisch unterscheidet sie sich fundamental von der DDR-Staatspartei: Sie agiert als demokratische Opposition, hat sich vom marxistisch-leninistischen Führungsanspruch distanziert und wurde sogar vom Verfassungsschutz als verfassungskonform eingestuft.
Nach der BSW-Abspaltung 2024 hat Die Linke sogar einen Mitgliederzuwachs von 13.350 neuen, überwiegend jungen Mitgliedern verzeichnet. Das zeigt: Die Partei wandelt sich kontinuierlich.
Der entscheidende Unterschied
Die Linke entstand durch demokratische Transformation einer Diktatur-Partei, während andere Parteien bewusst ehemalige SED-Funktionäre rekrutierten oder Ex-Nazis in Spitzenämter integrierten – und das bis heute größtenteils verschweigen.
Zeit für ehrliche Aufarbeitung
Die Linke hat ihre SED-Vergangenheit aufgearbeitet und sich bereits 1989 bei der DDR-Bevölkerung für das begangene Unrecht entschuldigt. Es ist Zeit, dass auch die anderen Parteien endlich ehrlich mit ihrer Nazi-Vergangenheit umgehen. Denn geschichtliche Kontinuitäten gibt es überall – der Unterschied liegt im Umgang damit.
Mein Appell: Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, sollten alle Parteien ihre Vergangenheit transparent aufarbeiten. Nur so können wir aus der Geschichte lernen und eine wirklich demokratische politische Kultur schaffen – eine, für die meine Familie damals aus der DDR geflohen ist.
Am Sonntag ist Kommunalwahl in Rheinberg. Alle Kandidat*innen können Reden – aber wenn du links wählst, wählst du echte Macher*innen. Findest du gut? Dann hilf uns, die Botschaft weiterzutragen!
Alle reden – wir machen. KPiP, Lebensmittelrettung, Wildtierhilfe: Manu Cengiz Bechert & Renan Cengiz sind auch ohne Wahlkampf seit Jahren engagiert für Mensch, Tier & Kultur.Das KPiP-Festival am Spanischen Vallan – ein Projekt von Manu und Renan. Es zeigt: Auch mit wenigen Mitteln kann Wunderbares entstehen, das Tausende Menschen zusammenbringt. Was es braucht: gute Ideen und guten Willen.Lebensmittelrettung: Woche für Wochen holen über 100 Menschen gratis Essen bei Manu und Renan ab. Das Essen wäre sonst in der Tonne gelandet und kommt nicht nur Bedürftigen zugute.Eichhörnchen & Co. haben weder Anwälte noch Krankenhäuser! Aber sie haben Verbündete: Peppeln, Pflege, Beratung, Bildung – das alles gehört für Manu und Renan genauso dazu, wie sich politisch für Natur und Wildtiere einzusetzen.
Hat Charles de Batz-Castelmore, der echte d’Artagnan, Rheinberg je mit eigenen Augen gesehen? Den Floh ins Ohr gesetzt hat mir Aloys Cremers. Wenn er von d’Artagnan in Orsoy und Rheinberg erzählt, dann meint man, er sei hier leibhaftig herumgehüpft. Doch ist das historisch haltbar? Oder hat sich Aloys die künstlerische Freiheit herausgenommen, das Werk Dumas’ weiterzuspinnen; des Autors, der die fiktiven Musketiere um d’Artagnan weltberühmt gemacht hat?
Wer war der echte d’Artagnan?
Charles de Batz de Castelmore, genannt d’Artagnan, war kein literarischer Held, sondern ein hochrangiger Offizier am Hof Ludwigs XIV. Er diente als Kapitän-Lieutenant der Mousquetaires de la Garde – einer Eliteeinheit des französischen Königs – und fiel am 25. Juni 1673 bei der Belagerung von Maastricht.
Ein Jahr zuvor, im Juni 1672, begann die große französische Offensive gegen die Niederlande (der sogenannte Holländische Krieg). Rheinberg wurde bereits Anfang Juni 1672 von französischen Truppen eingenommen – ein frühes Etappenziel auf der Rheinlinie.
Eine Schlüsselfigur im Flandrisch-Niederrheinischen Grenzraum
D’Artagnan war nur wenige Monate zuvor vom König zum Gouverneur der Festung Lille ernannt worden – und wurde damit zur Schlüsselfigur in einer der sensibelsten Regionen des Königreichs. Im Rahmen der Holländischen Kriege (1672–78) war das gesamte Grenzgebiet, inklusive Niederrhein, Maas, Waal und Schelde, ein einziges Spannungsfeld zwischen Frankreich, den Niederlanden, Spanien und dem Heiligen Römischen Reich.
Stand d’Artagnan je vor den Toren von Rheinberg? (Bild: ChatGPT.com)
Dass d’Artagnan Gouverneur einer so bedeutenden Festung war, zeigt, welche Rolle er in Ludwigs Kriegsstrategie spielte. Rheinberg – damals eine der bedeutendsten Festungen am Niederrhein –, Orsoy und Wesel waren Teil derselben strategischen Zone. Und d’Artagnan einer der Männer, die über das Schicksal der Region entschieden.
Die erfolgreiche Eroberung Rheinbergs am 11. Juni 1672 war ein wichtiger strategischer Schritt auf dem Weg nach Maastricht – wo d’Artagnan ein Jahr später starb.
Es liegt nicht fern zu vermuten, dass der Musketier tatsächlich in Rheinberg oder Orsoy zugegen war: D’Artagnan hatte Rheinberg sicher auf dem Radar – ein Offizier seines Ranges war sich der strategischen Wichtigkeit der Stadt absolut bewusst. Zudem zeigen seine früheren Tätigkeiten im Rheinland – gesichert ist etwa, dass er Kardinal Mazarin 1651 ins Exil nach Brühl bei Bonn begleitete –, dass er politisch-militärisch im weiteren Einflussraum Kurkölns gewirkt hatte. Es existiert also eine biographische Vorgeschichte.
Belastbare Quellen über seine Gegenwart in Rheinberg oder Orsoy sucht man allerdings vergebens – „d’Artagnan war in Rheinberg“ bleibt eine spekulative Behauptung.
Kunst statt Chronik: Warum das Spekulieren lohnt
Wenn Aloys Cremers schreibt, „Athos, Aramis und Porthos folgten ihrem geliebten d’Artagnan an den Niederrhein“ oder dass der „Captain der Musketiere hier vom Sonnenkönig zum Gouverneur ernannt“ wurde, dann spricht hier nicht der Historiker – sondern der Kurator eines Mythos.
Sein Ziel: Rheinberg auf die Landkarte setzen – die Stadt wieder weltbekannt zu machen. Nicht durch Erfindung, sondern durch Verdichtung: Aloys nimmt wahre historische Linien – die französische Expansion, die strategische Bedeutung Rheinbergs, den Holländischen Krieg – und verbindet sie mit einem Namen, der in allen Köpfen etwas auslöst.
Das Ergebnis: Ein Hauch von Versailles am Niederrhein. Eine Portion Musketier-Romantik, die dem Ort Bedeutung und Magnetismus verleiht, der Geschichte in einem begreifbaren Mythos lebendig werden lässt.
Was das für uns bedeutet
Für uns heute zeigt das vor allem eines: Rheinberg bietet Stoff für große Erzählungen. Der Niederrhein war nie abseits der europäischen Bühne; hier kreuzten sich die Wege von Kaisern, Kurfürsten, Händlern – und vielleicht auch von Musketieren.
Dass Aloys Cremers d’Artagnan zum Rheinberger adelt, ist weniger eine Geschichtsfälschung als vielmehr ein Narrativangebot, das sich im Stadtmarketing und Tourismuskonzept hervorragend verwerten lässt: Er lädt uns ein, unsere Region nicht klein zu denken, sondern als Teil des großen, komplexen europäischen Dramas zu begreifen. Ein Drama, das es zu erzählen gilt.
Theater zwischen Rausch, Sucht und gutbürgerlichem Garten: Peter Trabner und Renan Cengiz treiben den Gott des Weins in die Gegenwart. Nächste Aufführung: Sa, 16.05.26, Kulturraum Aartal, Greven
Während in Belém die UN-Klimakonferenz COP30 über Klimagerechtigkeit verhandelt, pflückt in Deutschland die Polizei im Auftrag eines Energiekonzerns Klimaaktivist:inen aus dem Wald. Bericht und Betrachtung einer Räumung und ihrer Implikationen.