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„Seht zu, dass ihr möglichst lange bleibt, ihr werdet euch später wünschen, wieder hier zu sein – du weischt ja, wie man sagt: Du verlierscht dei Herz in Heidelberg“, sagt der Crêpeverkäufer am Skateplatz. Das hier ist unser zweiter Stellplatz, seit wir Düsseldorf verlassen haben – endlich. Es war nämlich so:
Abschied aus Düsseldorf
Der Verstärker, auf den wir die ganze Zeit gewartet hatten, kam so dermaßen verspätet an, dass wir erst am Donnerstag, den 22. Juni, die Stadt verlassen konnten. Dafür aber mit einem Roland Street Cube EX und mit Hermine. Eigentlich wollten wir uns in Paris mit ihr treffen, doch durch die Verzögerung ging der Plan nicht auf, und weit vorausplanen ist bekanntlich eh nicht unser Ding. Hermine hat jetzt Schulferien und ist am Donnerstagnachmittag nach einer sehr langen Zugfahrt mit Streckensperrung und allen Bahnschikanen in Düsseldorf angekommen. Eine Lagebesprechung ergab: Auf Baskenland und Portugal hat sie eh weniger Lust, aber Heidelberg und dann weiter südwärts, ja, das wäre drin. Also los!




Eine kuriose Sache am Verdienen mit Straßenmusik: Man hat sehr viel Kleingeld. Entsprechend lang ist die Schlange hinter uns am Parkautomaten. Zum Glück hat die Edeka-Kassiererin am Tag zuvor unser Säckle mit einem Euro in Rotgeld angenommen, so war das schon mal weg. Zu klein darf man die Automaten auch nicht füttern, irgendwann läuft die Zeit ab, ist uns so schon bei einem Ubahnticketkauf passiert. Diesmal brauchts aber nur wenige Minuten zum Bezahlen für zwei Nächte Parken direkt am Rhein – der erste Luxus, den wir uns leisten; immerhin 18 Euro pro angebrochene 24 Stunden.
Zum Glück sind unsere Taschen gefüllt und der Tank noch halbvoll. Düsseldorf ist wirklich ein vortreffliches Pflaster für Straßenmusik, wenn man einmal weiß, wann und wo es gut klappt. Ob das in Heidelberg ähnlich sein wird?
Hallo Heidelberg!
Nach knapp vier Stunden Fahrt erreichen wir am Donnerstag mit hereinbrechender Dämmerung zunächst den Heiligenberg, einen vor Heidelberg gelegenen Hügel mit langer Geschichte: Die Kelten haben hier ihre Spuren hinterlassen, darunter das rätselhafte Heidenloch, von dem niemand genau weiß, was es damit auf sich hat – ist es ein Brunnen? Eine Kultstätte? Auf jeden Fall ist es ein sehr tiefes Loch, das senkrecht in den Boden sticht.


Unweit gibt es alte christliche Klosterruinen zu bestaunen, und ein gigantisches Freilichttheater, die Thingstätte, deren Name ebenfalls eine Historizität impliziert, die jedoch in der NS-Zeit im Rahmen der von den Nazis gekaperten Thing-Bewegung errichtet wurde. In jüngerer Vergangenheit hielten die Heidelberger hier selbstverwaltete Feste ab, etwa Walpurgisnachtfeiern, was aber von der Stadt unterbunden wurde: „Zu wenig Sicherheitspersonal, zu wenig Licht, keine Umzäunung des Geländes“, erklärt uns der Sohn einer Heidelberger Straßenmusikerin auf der Alten Brücke (Namen leider vergessen, meld dich gern, falls du das liest!). „Deswegen gibt es jetzt zu den entsprechenden Terminen ein Großaufgebot an Sicherheitsleuten, Flutlicht und eine Absperrung des Geländes, um das Verbot durchzusetzen – das ist ein gern zitiertes Sinnbild für die Heidelberger Kulturpolitik“, witzelt er.
Dort also kommen wir an, stehen auf dem großen Waldparkplatz, und als wir gerade zu Abend essen wollen, rollt unser Camper plötzlich rückwärts – trotz gezogener Handbremse. Wir parken um, stehen nun anders geneigt, und nehmen uns vor, jemanden zu finden, die oder der uns die Handbremse nachzieht. Am nächsten Vormittag erkunden wir die Gegend und machen ein paar Aufnahmen an der Thingstätte – hier entsteht unser zweites Video aus der Reihe Musik an besonderen Orten. Dann fahren wir runter in die Stadt und suchen uns einen Stellplatz am Skatepark, direkt am Neckarufer.

Straßenmusik in Heidelberg
Dann tauchen wir ein in die Heidelberger Straßenmusikwelt: Am Freitagnachmittag gibt’s ein erstes Set auf der Alten Brücke, wo wir direkt Bekanntschaft schließen mit oben erwähntem sympathischen Jungen Mann aus der Straßenmusikfamilie. Kurz nach Ende des Sets gesellt sich Michael dazu, unser Stellplatznachbar und ebenfalls Gitarrist, und spielt spontan ein, zwei Lieder – das erste Mal auf der Straße, mit Verstärkung und vor Publikum. Nach uns spielt ein junger Akkordeonspieler auf, ebenfalls ein Bekannter von Michael, dem wir gemeinsam zuhören während wir die Nachmittagssonne genießen.




Offiziell ist das Straßenmusizieren in Heidelberg streng reglementiert: „Du wirst es nicht glauben, es gibt eine eigene Verfahrensbeschreibung dafür“, schreibt uns Ratsherr Björn Leuzinger, der in Heidelberg für Die PARTEI Politik macht, und den Renan auf einer Fortbildung in Brüssel kennen gelernt hat. In der Altstadt gibt es einige wenige Zonen, in denen zu bestimmten Zeiten musiziert werden darf. Eine davon zeigt uns unser Kollege am Akkordeon sogleich – es handelt sich um einen Verkehrsknotenpunkt mit zig Bus- und Bahnhaltestellen; viele Menschen, aber auch viel Eile und Lärm. Auf dem Weg dorthin erweist sich unser Fahrradanhänger als große Hilfe, den uns Familie Assenmacher für die Reise überlassen hat. Verstärker, Gitarre, Mikroständer, Verpflegung und unterwegs gefundene Pfandflaschen finden darin mühelos Platz. So richtig gelohnt hat sich der Ausflug finanziell zwar nicht, aber für ein spontanes Gitarren-Akkordeon-Duett dann wieder schon. Wir merken allerdings bereits: Die Brücke scheint unser Ort zu sein, und angeblich ist dort abends weit mehr los. Das probieren wir gleich aus!
Vorweg: Es stimmt. Und der Empfang ist herzlich – schon vor dem eigentlichen Auftritt bekommen wir eine kühle Literflasche Vetter geschenkt, ein Heidelberger Hausbräu, und auch während der Show ist das Publikum und die Stimmung äußerst angenehm. Es gibt viel Applaus und die Menge fordert eine Zugabe, entsprechend gut gefüllt ist der Hut. Insgesamt hat uns der Tag gut 90 Euro eingebracht – nicht übel!
Der Abend hat uns auch einen neuen Kontakt verschafft: Florian Schreier ist Fotograf und hat Renan beim Spielen auf der Brücke geknipst, außerdem kennt er Manu aus seiner Zeit als Downhiller; wir verabreden uns für den folgenden Abend. Vorher nutzen wir den Samstag für Badegänge im Neckar, Faulenzwreien und Besuchen im Tauschregal, (das wir rasch als Wunachladen identifizierrn – man wünscht sich was, und meist ist es am nächsten Tag da) und verlaufen uns auf dem Weg zu einem der anderen offiziellen Spielspätten in der City. Dabei merken wir: Gespielt wird hier eh überall, also stellen wir uns auch irgendwo hin, mit zufriedenstellendem Erfolg. Kein Vergleich zur Alten Brücke freilich, zu der wir uns nun aufmachen. Während Manu und Hermine im Subway ein Sandwich kaufen und zwei halbe abstauben, die jemand liegen gelassen hat, trudeln auf der Brücke Florian und auch Michael ein. Michael übernimmt spontan das Vorprogramm, während Renan noch mal pinkeln geht. Dann wird die Brücke gerockt, und wieder ist’s super – standing ovations und Zugabe-Rufe, wenn auch gestern etwas mehr los war, da waren wir aber auch ne Stunde später dran. Wir lassen den Abend gemeinsam mit Flo am Camper ausklingen.

Der nächste Tag, Sonntag, birgt ein paar Überraschungen und endet mit einer Jamsession an Tims Crêpefahrrad. Aber von Anfang:
Nach dem Brunch führt uns ein Mittagsspaziergang an einen besonderen Ort, den Manu im Vorbeigehen beim Hundespaziergang entdeckt hat. Das Haus am Wehrsteig ist ein vermutlich nie in Betrieb genommenes Traffohaus des Stauwehrs bei Heidelberg-Wieblingen und war ab 1984 die Heimat der Künstlerin Eva Vargas. Heute ist es nach langem Leerstand Atelier, Museum und Kulturort zugleich. Wir treffen am letzten Tag der Ausstellung „Haus des Geistes oder Geisterhaus“ ein, in der die Geschichte des Hauses, seiner Bewohner- und Besucher*innen verhandelt ist. Kurator Matthis nimmt uns prompt mit auf eine kleine Privatführung, nachdem, wir ihm von unserer Arbeit am Spanischen Vallan erzählen, schließlich seien wir ja vom Fach. Tatsächlich weist seine und unsere Arbeit in den uns anvertrauten Gemäuern einige Ähnlichkeiten auf – ein erklärter Gegenbesuch wird hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft Wirklichkeit werden.
Am späten Nachmittag kapern wir die Bühne der NeckartOrte; das offizielle Programm ist vorüber, die Bar noch geöffnet und die Leute haben Lust auf Musik, also spielt Renan ein Set auf Hut am Neckarstrand in der Nachmittagssonne. Kurz danach kommt Biene zu Bühne, ebenfalls eine Bekannte von Michael und Singer/Songwriterin. „Hast du Bock auf ne Jamsession?“ Die Antwort manifestiert sich eine halbe Stunde später neben Tims Crêpefahrrad, bis weit nach Einbruch der Dunkelheit musizieren wir am Neckar, ein Abschiedskonzert für Heidelberg – morgen geht’s weiter, und wohin genau, weiß nur der Wind.


Wir sind sehr gespannt, wie es weitergeht … du auch? Dann komm mit auf unseren Trip! Abonniere gern diesen Blog, folge unserer Instagram-Story und sei Teil unserer Reise! Jetzt auch auf Youtube. Wer uns etwas in den Hut schmeißen möchte, aber aus Raumzeitkontinuumsgründen nicht kann – das geht auch digital: paypal.me/renancengiz. Danke und auf bald!
ENGLISH SUMMARY STARTS HERE
The amp we have waited for so long finally arrives on Thursday – together with Hermine, whose school holidays have now begun. Now that we’re together, we’re flipping plans – instead towards Paris, we change directions towards Heidelberg and finally leave Düsseldorf behind.
In Heidelberg we first stop at the Thingstätte, an open air theater, to record a video – see this post for more info and the video! The next day, we park our campervan near a skatepark at the river Neckar not far from the city. In the evening we look for a good place for street music and find it on the Alte Brücke, an old bridge maibly for pedestrians. The street music vibes are great here, and we do quickly connect to a bunch of people who point out other places and valuable information to us. Our hat is well filled when we head home. We do also check out other busking venues, but none of them beats the bridge, which becomes our go-to spot for the days of our stay.
Oficially, busking is highly regulated in Heidelberg. A stroll through the city tells another story: Especially at the weekends the historic city center is full of musicians, and most of them know their job quite well. On our last day, we even hit a real stage – the city has set up some of them on the brinks of the Neckar for entertainment, each one comes with a bar. The one next to our camper van becomes a stage for Renan after the official program is over. That’s not especially allowed, but everyone, including the staff, seems to be happy about more music.
On our final day, we also discover an interesting old building, the Haus am Wehrsteig, which become a place for exhibitions, and run into the curator, who tells and shows us more about and of the place’s history, inhabitants and the modern use. It’s great how quickly you get to know people when you get recognized as vagabonds and arts people.
Our last evening in Heidelberg ends with a jam session next to our site, featuring our van neighbour Michael and a fellow musician of his, singer/songwrited Biene.
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