Ein Musketier in Rheinberg?
Hat Charles de Batz-Castelmore, der echte d’Artagnan, Rheinberg je mit eigenen Augen gesehen? Den Floh ins Ohr gesetzt hat mir Aloys Cremers. Wenn er von d’Artagnan in Orsoy und Rheinberg erzählt, dann meint man, er sei hier leibhaftig herumgehüpft. Doch ist das historisch haltbar? Oder hat sich Aloys die künstlerische Freiheit herausgenommen, das Werk Dumas’ weiterzuspinnen; des Autors, der die fiktiven Musketiere um d’Artagnan weltberühmt gemacht hat?
Wer war der echte d’Artagnan?
Charles de Batz de Castelmore, genannt d’Artagnan, war kein literarischer Held, sondern ein hochrangiger Offizier am Hof Ludwigs XIV. Er diente als Kapitän-Lieutenant der Mousquetaires de la Garde – einer Eliteeinheit des französischen Königs – und fiel am 25. Juni 1673 bei der Belagerung von Maastricht.
Ein Jahr zuvor, im Juni 1672, begann die große französische Offensive gegen die Niederlande (der sogenannte Holländische Krieg). Rheinberg wurde bereits Anfang Juni 1672 von französischen Truppen eingenommen – ein frühes Etappenziel auf der Rheinlinie.
Eine Schlüsselfigur im Flandrisch-Niederrheinischen Grenzraum
D’Artagnan war nur wenige Monate zuvor vom König zum Gouverneur der Festung Lille ernannt worden – und wurde damit zur Schlüsselfigur in einer der sensibelsten Regionen des Königreichs. Im Rahmen der Holländischen Kriege (1672–78) war das gesamte Grenzgebiet, inklusive Niederrhein, Maas, Waal und Schelde, ein einziges Spannungsfeld zwischen Frankreich, den Niederlanden, Spanien und dem Heiligen Römischen Reich.

Dass d’Artagnan Gouverneur einer so bedeutenden Festung war, zeigt, welche Rolle er in Ludwigs Kriegsstrategie spielte. Rheinberg – damals eine der bedeutendsten Festungen am Niederrhein –, Orsoy und Wesel waren Teil derselben strategischen Zone. Und d’Artagnan einer der Männer, die über das Schicksal der Region entschieden.
Die erfolgreiche Eroberung Rheinbergs am 11. Juni 1672 war ein wichtiger strategischer Schritt auf dem Weg nach Maastricht – wo d’Artagnan ein Jahr später starb.
Es liegt nicht fern zu vermuten, dass der Musketier tatsächlich in Rheinberg oder Orsoy zugegen war: D’Artagnan hatte Rheinberg sicher auf dem Radar – ein Offizier seines Ranges war sich der strategischen Wichtigkeit der Stadt absolut bewusst. Zudem zeigen seine früheren Tätigkeiten im Rheinland – gesichert ist etwa, dass er Kardinal Mazarin 1651 ins Exil nach Brühl bei Bonn begleitete –, dass er politisch-militärisch im weiteren Einflussraum Kurkölns gewirkt hatte. Es existiert also eine biographische Vorgeschichte.
Belastbare Quellen über seine Gegenwart in Rheinberg oder Orsoy sucht man allerdings vergebens – „d’Artagnan war in Rheinberg“ bleibt eine spekulative Behauptung.
Kunst statt Chronik: Warum das Spekulieren lohnt
Wenn Aloys Cremers schreibt, „Athos, Aramis und Porthos folgten ihrem geliebten d’Artagnan an den Niederrhein“ oder dass der „Captain der Musketiere hier vom Sonnenkönig zum Gouverneur ernannt“ wurde, dann spricht hier nicht der Historiker – sondern der Kurator eines Mythos.
Sein Ziel: Rheinberg auf die Landkarte setzen – die Stadt wieder weltbekannt zu machen. Nicht durch Erfindung, sondern durch Verdichtung: Aloys nimmt wahre historische Linien – die französische Expansion, die strategische Bedeutung Rheinbergs, den Holländischen Krieg – und verbindet sie mit einem Namen, der in allen Köpfen etwas auslöst.
Das Ergebnis: Ein Hauch von Versailles am Niederrhein. Eine Portion Musketier-Romantik, die dem Ort Bedeutung und Magnetismus verleiht, der Geschichte in einem begreifbaren Mythos lebendig werden lässt.
Was das für uns bedeutet
Für uns heute zeigt das vor allem eines: Rheinberg bietet Stoff für große Erzählungen. Der Niederrhein war nie abseits der europäischen Bühne; hier kreuzten sich die Wege von Kaisern, Kurfürsten, Händlern – und vielleicht auch von Musketieren.
Dass Aloys Cremers d’Artagnan zum Rheinberger adelt, ist weniger eine Geschichtsfälschung als vielmehr ein Narrativangebot, das sich im Stadtmarketing und Tourismuskonzept hervorragend verwerten lässt: Er lädt uns ein, unsere Region nicht klein zu denken, sondern als Teil des großen, komplexen europäischen Dramas zu begreifen. Ein Drama, das es zu erzählen gilt.

Ein italienisches Sprichwort besagt: Des Menschen großer Feind ist seine eigene Meinung. Wie lautet Ihre?