Bei Facebook wurde mir wiederholt vorgeworfen, als Mitglied der Linkspartei ein „Mauerschütze“ oder „SEDler“ zu sein. Diese Vorwürfe verwundern mich besonders, da meine Familie mütterlicherseits aus der DDR stammt und kurz vor der Mauerschließung 1961 geflohen ist – gerade weil sie das SED-Regime und seine Unterdrückung ablehnte. Umso wichtiger ist es mir, die historischen Fakten geradezurücken und zu zeigen: Alle deutschen Parteien haben problematische geschichtliche Kontinuitäten. Aber nicht alle gehen offen damit um.
Das Kontinuitätsproblem
Die Wahrheit ist: Nach demokratischen Umbrüchen müssen sich alle Parteien mit belasteten Biografien auseinandersetzen. 1945 nach dem Nazi-Regime, 1989/90 nach der DDR-Diktatur – immer stand die deutsche Politik vor derselben Herausforderung: Eine Demokratie lässt sich nicht nur mit den wenigen aufbauen, die echten Widerstand geleistet haben.
SPD: Bewusste Öffnung für Ex-Nazis
Die SPD beschloss 1946 auf dem Hannoveraner Parteitag bewusst, ehemalige NSDAP-Mitglieder aufzunehmen, wenn sie zwei sozialdemokratische Bürgen hatten. Bundesminister Horst Ehmke war NSDAP-Mitglied. Die SPD kritisierte zunächst sogar die Nürnberger Prozesse und trat für Überprüfung alliierter Urteile ein.
FDP: Über 50 Prozent Ex-Nazis in der Fraktion
Bei der FDP war die Nazi-Kontinuität noch extremer: Über 50 Prozent der Bundestagsfraktion der 1950er Jahre waren ehemalige NSDAP-Mitglieder. 1953 verhafteten die Briten sogar den „Naumann-Kreis“ – ehemalige NS-Funktionäre, die systematisch die FDP unterwanderten. Selbst spätere Spitzenpolitiker wie Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel (beide Außenminister/Bundespräsidenten) waren NSDAP-Mitglieder.
Grüne mit braunen Flecken
Selbst die erst 1980 gegründeten Grünen hatten problematische Gründerväter: Baldur Springmann war SA-, SS- und NSDAP-Mitglied. Werner Vogel war SA-Sturmführer und NSDAP-Mitglied. Luise Rinser, 1984 Grüne Bundespräsidenten-Kandidatin, verfasste hymnische Hitler-Gedichte.
CDU/CSU: 85 Funktionäre mit Nazi-Vergangenheit
Die CDU hatte nach 1945 65 hohe Funktionäre mit NSDAP-Mitgliedschaft, die CSU 20 Politiker. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger war von 1933 bis 1945 NSDAP-Mitglied. Bundespräsident Karl Carstens war nicht nur NSDAP-Mitglied, sondern auch SA-Angehöriger. Zum Ende der Adenauer-Ära waren alle sechs Abteilungsleiter des Bundesinnenministeriums ehemalige NSDAP-Mitglieder – einer zusätzlich bei der SS, fünf bei der SA.
CDU und SED-Zuwanderung
Doch die CDU hat nicht nur eine Nazi-Vergangenheit, sondern auch eine problematische SED-Kontinuität. Als ehemalige DDR-Blockpartei kooperierte die Ost-CDU jahrzehntelang mit dem SED-Regime. Nach der Wiedervereinigung wechselten prominente Ex-SED-Mitglieder direkt zur CDU: Henry Worm (SED-Mitglied 1982 bis 1989), Svend-Gunnar Kirmes (SED-Mitglied 1971 bis 1989) oder Dieter Althaus (ehemaliger Ministerpräsident Thüringens). Der Politikwissenschaftler Michael Lühmann fasst zusammen: „Personell ist die CDU ein ganzes Stück weit Nachfolgepartei nicht nur der Ost-CDU, sondern auch der SED.“
Ex-SEDler bei AfD und BSW
Auch neuere Parteien weisen SED-Kontinuitäten auf. Die AfD führt mehrere Kandidaten mit SED-Vergangenheit auf ihren Listen, darunter Ulrich Oehme und René Bochmann. Selbst das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) vereint prominente Ex-SED-Mitglieder wie Sahra Wagenknecht selbst, die 1989 mit 20 Jahren demonstrativ in die SED eintrat, oder Uta Knebel, die in den 80er Jahren SED-Mitglied war.

Die Linke: Rechtlich SED-Nachfolgerin, politisch demokratische Opposition
Ja, Die Linke ist rechtlich die SED-Nachfolgepartei – das hat Bundesschatzmeister Karl Holluba 2009 vor Gericht bestätigt. Aber politisch unterscheidet sie sich fundamental von der DDR-Staatspartei: Sie agiert als demokratische Opposition, hat sich vom marxistisch-leninistischen Führungsanspruch distanziert und wurde sogar vom Verfassungsschutz als verfassungskonform eingestuft.
Nach der BSW-Abspaltung 2024 hat Die Linke sogar einen Mitgliederzuwachs von 13.350 neuen, überwiegend jungen Mitgliedern verzeichnet. Das zeigt: Die Partei wandelt sich kontinuierlich.
Der entscheidende Unterschied
Die Linke entstand durch demokratische Transformation einer Diktatur-Partei, während andere Parteien bewusst ehemalige SED-Funktionäre rekrutierten oder Ex-Nazis in Spitzenämter integrierten – und das bis heute größtenteils verschweigen.
Zeit für ehrliche Aufarbeitung
Die Linke hat ihre SED-Vergangenheit aufgearbeitet und sich bereits 1989 bei der DDR-Bevölkerung für das begangene Unrecht entschuldigt. Es ist Zeit, dass auch die anderen Parteien endlich ehrlich mit ihrer Nazi-Vergangenheit umgehen. Denn geschichtliche Kontinuitäten gibt es überall – der Unterschied liegt im Umgang damit.
Mein Appell: Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, sollten alle Parteien ihre Vergangenheit transparent aufarbeiten. Nur so können wir aus der Geschichte lernen und eine wirklich demokratische politische Kultur schaffen – eine, für die meine Familie damals aus der DDR geflohen ist.
Quellen (Auswahl)
- „Die CDU verklärt nach Thüringen ihre rechte Vergangenheit“, 10.02.2020, https://www.tagesspiegel.de/kultur/die-cdu-verklart-nach-thuringen-ihre-rechte-vergangenheit-4684411.html
- „24 Ex-NSDAP-Mitglieder arbeiteten in Nachkriegs-Regierungen“, 10.01.2012, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/parlamentarische-anfrage-24-ex-nsdap-mitglieder-arbeiteten-in-nachkriegs-regierungen-a-808598.html
- „Naumann-Kreis: Die Unterwanderung der FDP durch Altnazis“, 14.01.2013, https://www.spiegel.de/geschichte/naumann-kreis-die-unterwanderung-der-fdp-durch-altnazis-a-951012.html
- „‚Liberale‘’’ Vergangenheitspolitik. Die FDP und ihr Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit“, 2017, https://www.theodor-heuss-haus.de/fileadmin/thh-webportal/004_forschung-bildung/Theodor-Heuss-Kolloquium/2017/pdf/Heuss-Forum_15-2017_Buchna.pdf
- „SPD – Schwierigkeiten mit der NS-Vergangenheit“, 24.02.2016, https://www.deutschlandfunkkultur.de/spd-schwierigkeiten-mit-der-ns-vergangenheit-100.html
- „So viel SED steckt in BSW und AfD“, 17.08.2024, https://www.bild.de/politik/inland/ddr-altlasten-bei-den-neuen-parteien-so-viel-sed-steckt-in-bsw-und-afd-66bdc773d746e8088c01eb46
- „… und wieviel SED steckt eigentlich in der CDU?“, 11.02.2020, https://www.lokalkompass.de/schermbeck/c-politik/-und-wieviel-sed-steckt-eigentlich-in-der-cdu_a1304484
- „Von der SED zur Partei Die Linke“, 13.12.2020, https://hubertus-knabe.de/die-fortsetzungspartei/
- „Prozess: Die Linke – Wir sind Rechtsnachfolgerin der SED“, 31.08.2015, https://www.welt.de/politik/article3649188/Prozess-Die-Linke-Wir-sind-Rechtsnachfolgerin-der-SED.html
- „Etappen der Parteigeschichte der LINKEN“, 05.02.2023, https://www.bpb.de/themen/parteien/parteien-in-deutschland/die-linke/42130/etappen-der-parteigeschichte-der-linken/
- „Die Linke gewinnt an Mitgliedern seit BSW-Gründung“, 25.11.2024, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2024-11/linke-partei-mitglieder-zuwachs-bsw-wagenknecht
- „Grün mit braunen Flecken“, 09.03.2022, https://www.miersch.media/gruen-mit-braunen-flecken/
- „NS-Kontinuitäten – Schweben über der Vergangenheit“, 17.06.2018, https://www.sueddeutsche.de/politik/ns-kontinuitaeten-schweben-ueber-der-vergangenheit-1.4020903
- „Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die nach Mai 1945 politisch tätig waren“, 23.10.2005, https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren
- „(Die) Linke“, 02.08.2022, https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/202012/die-linke/

Ein italienisches Sprichwort besagt: Des Menschen großer Feind ist seine eigene Meinung. Wie lautet Ihre?