Hambacher Wald erneut in Gefahr: Warum das Sündenwäldchen bleiben muss

Ausblick vom Grubenrand

Ich schreibe diesen Text in unserem Camper. Aus dem Fenster hinter mir blickst du auf das größte Loch Europas, den Tagebau Hambach, für den Dörfer, Straßen, Wälder weichen mussten. Aus dem Fenster vor mir auf ein winziges Grundstück des BUND, der sich seit Jahren erfolgreich dagegen wehrt, weggebaggert zu werden, und das seit letzten Sonntag eine Mahnwache gegen Landraub, Naturzerstörung und Grundwasservergiftung beherbergt. Schaust du aus dem Fenster nach links, kannst du ein Wäldchen sehen, in dem Banner und Baumhäuser in den Bäumen hängen: das Sündenwäldchen; von seinen Beschützer:innen liebevoll Sündi genannt. Wir sind hier, um zu helfen, den Sündi und die umgebende Naturlandschaft vor den Baggern zu retten.

Die Mahnwach BUND-Wiese

Warum der Sündi bleiben muss

Wir stehen nur einige Meter vom Rand des legendären Hambacher Walds entfernt. Unweit des Urwalds, wo einst Barrikaden und Baumhäuser Geschichte schrieben, hängen wieder Menschen in den Ästen, um den nächsten Wald vor Baggern und Harvestern zu schützen. Der Sündi war einst sechs Hektar groß – RWE hat bereits den Großteil gerodet, doch selbst der verbliebene Hektar ist noch ein entscheidendes Stück Natur: Es verbindet den Hambi mit den benachbarten Wäldern Steinheide und Manheimer Bürge.

Genau diese Verbindung soll nun fallen. RWE will hier die sogenannte „Manheimer Bucht“ erweitern, unterstützt von der Landesregierung. Dabei wurde das Gebiet offiziell als Waldvernetzungszone ausgewiesen – als Lebensader für Arten wie Bechsteinfledermaus, Haselmaus, Springfrosch und Mittelspecht, die nur in zusammenhängenden Wäldern überleben können.

Der BUND NRW hatte am 3. Januar 2025 Klage eingereicht, um die Rodung zu stoppen – die wurde abgewiesen. Gelingt es trotz allem Bemühen nicht, das Wäldchen zu retten, droht das letzte grüne Band zwischen den alten Wäldern zu reißen – und mit ihm ein weiteres Stück Glaubwürdigkeit in Sachen Renaturierung und Klimaschutz.

Warum es wichtig ist, jetzt hier zu sein

Aktivismus braucht Support, Staatsgewalt braucht Kontrolle

Gerodet werden darf nicht immer – Anfang Oktober startet die Saison, bis Ende Februar könnten die Bagger ausrücken. Die Mahnwache Lützerath, ein ständiges Protestcamp nahe des Sündenwäldchens, ruft gerade jetzt zur Unterstützung auf. Je kälter, dunkler und nasser die Tage, desto weniger Menschen sind vor Ort, um RWE und den Polizeikräften auf die Finger zu schauen. Aus der Vergangenheit hat sich gezeigt: Gewalt und illegales Verhalten der übermächtigen, halb staatlich, halb privaten Räumungs- und Rodungstrupps ist weniger wahrscheinlich, wenn viele Menschen draufschauen, wenn Presse und parlamentarische Beobachter:innen vor Ort sind.

Hambi 2018: Ein Lehrstück eskalierter Staatsgewalt

Die Räumung des Hambacher Walds im Herbst 2018 gilt heute als Paradebeispiel für eskalierte Staatsgewalt im Klimakonflikt. Mehr als 30.000 Beamt:innen rückten über den dreiwöchigen Einsatz hinweg mit Wasserwerfern, Räumpanzern und Schlagstöcken in den Wald, um 60 bis 80 Baumhäuser und Strukturen zu räumen – offiziell aus Brandschutzgründen. Aktivist:innen berichteten von Pfefferspray, Tritten und gezogenen Waffen. Besonders tragisch war der Tod des Journalisten Steffen Meyn, der während eines Polizeieinsatzes aus einem Baumhaus stürzte. Im Nachhinein stellte das Verwaltungsgericht Köln fest, die Räumung der Baumhäuser sei rechtswidrig gewesen – der Brandschutz habe lediglich als Vorwand gedient.

Psychologische Kriegsführung als Zermürbungstaktik

Die Räumung folgte einem Drehbuch der systematischen Zermürbung. Dokumentiert sind Methoden, die unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten als Folter einzuordnen sind: Nächtlich spielte die Polizei über Lautsprecher auf höchster Lautstärke Kettensägengeräusche und Affenlaute ab, um Aktivist:innen gezielt am Schlafen zu hindern. Aus Polizeifahrzeugen dröhnte Richard Wagners „Ritt der Walküren“ – jene Musik, die in Apocalypse Now den Helikopter-Angriff auf vietnamesische Dörfer untermalt. Flutlicht tauchte den Wald nachts in gleißende Helligkeit – „das erinnert ein wenig an die Fluchtgrenze zwischen Ceuta und dem Rest von Marokko“, so ein Augenzeugenbericht. Die Sozialistische Zeitung bezeichnete diese Praktiken bereits während der Räumung als „Foltermethoden“ , die Zeitschrift TERZ schrieb 2021 von „Maßnahmen der Folter“. Angewendet von deutschen Polizeikräften, auf deutschem Boden, gegen gewaltlose Umweltschützer:innen.

Das Machtungleichgewicht nicht schönreden

In der Presse war oft verkürzt zu lesen, es hätte Aggressionen auf beiden Seiten gegeben, also auch auf Seiten der Aktivist:innen. Das anzusprechen ist wichtig – denn es offenbart einen Fehlschluss, der die Wahrheit gefährlich verzieht:

Im Hambacher Forst wurde ein Machtungleichgewicht deutlich, das sich nicht schönreden lässt. Ja, es gab Berichte, Aktivist:innen hätten Steine, Zwillen oder Pyrotechnik eingesetzt – punktuell und defensiv. Belegt wurde dies nicht, entsprechende Funde entpuppten sich als alte Asservatenrelikte vergangener Jahre, mutmaßliche Sprengfallen als eingegrabene alte Feuerlöscher. Eine Aktivistin wurde 2019 wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung verurteilt, nachdem sie einer Polizistin bei der Räumung ins Gesicht zu treten versuchte – darüber hinaus gibt es keine dokumentierten rechtskräftigen Verurteilungen wegen Gewalt gegen Menschen.

Dagegen standen über drei Wochen verteilt mehr als 30.000 anonyme Polizeikräfte, Panzerwagen, Wasserwerfer, Schlagstöcke, Pfefferspray und systematischer Schlafentzug: staatliche Übermacht, strukturell, institutionell. Der größte und teuerste Einsatz seiner Art in der Geschichte NRWs. Die taz berichtete am ersten Tag der Räumung von Pfefferspray und Tritten durch Polizeikräfte – dokumentiert sind zudem Fälle, in denen Beamte gezielt Waffen auf Aktivist:innen richteten. Einem Aktivisten wurde bei der Räumung eines Tripods der Arm gebrochen, während ein Polizist direkt vor seinem Gesicht mit einem Karabinerhaken immer wieder auf eine Metallverstrebung schlug.

Besonders pikant ist die gerichtliche Feststellung, dass die Räumung nicht rechtens war. Damit war der staatliche Gewaltapparat nicht mehr „neutral“, sondern rechtswidrig gegen Menschen und Lebensräume gerichtet.

Wer hier stumpf von „beidseitigen Opfern“ spricht, verkennt die Realität: Die Eskalationsmacht lag eindeutig bei der Staatsgewalt, Aktivist:innen waren nur die symbolische Front im Wald. Das ist kein Gleichgewicht, das ist ein Schlaglicht auf ein Gewaltmonopol, das mitunter seine Legitimität verliert. Und gerade deshalb gilt es auch im Sündi sehr genau hinzuschauen.

Eine neue Mahnwache

Die Mahnwache auf der BUND-Wiese wurde an dem Tag eingerichtet, an dem ich als Musiker vor Ort war, um ein Soli-Konzert zu spielen. Geplant war, einige Tage später wieder zu fahren. Aber diese Pläne sind passé: Wir unterstützen die Mahnwache auf der BUND-Wiese nun auf unbestimmte Zeit – einfach, weil es wichtig ist.

Am kommenden Sonntag hast du die Gelegenheit, am monatlichen Dorf-Spaziergang teilzunehmen, der an der MaWa Lützerath beginnt und an der MaWa BUND-Wiese endet. Ich werde dich dort erneut mit meiner Gitarre begrüßen – und wir laden dich ein, mit uns Spiele zu spielen, ins Gespräch zu kommen, dich auf eine möglichst angenehme Art über das Übel zu informieren, das hier Alltag ist.

Und vielleicht findest auch du ja die Zeit oder die Mittel, an einer der vielen Baustellen zu helfen, an denen hier täglich gearbeitet wird. Für intakte Ökosysteme. Für überlebenswichtige Naturräume. Für sauberes Trinkwasser. Für den Sündi – und eigentlich die ganze Welt.

Link zur Veranstaltung: https://mahnwache-luetzerath.org/termine/25/10/26_dorfspaziergang/

Weiterführende Links und Informationen

Hier sind die wichtigsten weiterführenden aktivistischen Links für deinen Artikel:

Direkte Aktionsseiten & Kontakt

Hambacher Forst (Hauptseite)

Mahnwache Lützerath

Mahnwache BUND-Wiese (seit 20.10.2025)

Organisationen & Kampagnen

BUND NRW (offizieller Naturschutzverband)

Alle Dörfer bleiben / Klimabewegung

Rechtshilfe & Ermittlungsausschuss

Ermittlungsausschuss (EA) bei Polizeimaßnahmen

  • Rufnummer wird in Krisenzeiten auf hambacherforst.org bekanntgegeben
  • Kostenlose Rechtsberatung bei Festnahmen/Ingewahrsamsnahmen

Informationsportale

Klimareporter

Wald statt Asphalt

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Veröffentlicht in Politik & Protest

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