April 2025. Aloys Cremers schreibt nicht mehr auf Deutsch. Nicht seit Merz. Etwas in ihm sträubt sich dagegen, es schnürt ihm die Gurgel zu. Merz verkörpert das Gegenteil von Aloys’ Philosophie, erzählt er mir. Die Merz’sche Politik ist die Antithese zur Befreiungsdidaktik, mit der Aloys zwischen die Ohren der Menschen hineinwirken will.
[Dieser Artikel ist Teil 3 einer Serie zu Aloys Cremers. Hier geht es zu den Teilen [1] und [2]]
Angst und Krieg treten in die Köpfe der Deutschen. Dabei wäre diesem Welttrend etwas entgegenzusetzen: Ein Bewusstsein für die Eigenenergie der Menschen – und darüber, dass sie mit dieser Energie in jedem Augenblick die Zukunft formen. Assertiv. Assertiv? Das braucht eine Erklärung:
Was ist Assertivität?

Im Deutschen wird „Assertivität“ meist mit den Begriffen Selbstbehauptung oder Durchsetzungsvermögen übersetzt, wobei der Fokus auf einer respektvollen, selbstsicheren und nicht-aggressiven Art der Meinungsäußerung liegt. In Aloys’ Sinne bezeichnet Assertivität jene schöpferische Kraft, sich selbst und die eigene Position mit Klarheit, Mut und Respekt zu behaupten – ohne Angst vor Fehlern und ohne andere zu dominieren. Assertivität bedeutet für ihn, das schöpferische Nichts in sich selbst als Potenzial zu erkennen und daraus handelnd in die Welt zu treten. Sie ist das Gegenmittel zur lähmenden Angst vor dem Scheitern, die Aloys als kulturelle Bremse identifiziert hat. Assertivität heißt in diesem Sinne, sich selbst zuzutrauen, Wissen und Lösungen im Tun zu erschaffen und dabei offen für Irrtümer und Veränderung zu bleiben. Sie öffnet Türen – für sich und andere – und schafft Raum für Neues.
Assertivität am Niederrhein – Aloys Cremers’ Kunst des selbstbewussten Handelns
Spätsommer 2024. „Assertivität ist keine Frage des Könnens, sondern des Tuns“, erklärt Aloys mit funkelnden Augen, während er energisch mit den Händen gestikuliert. Der niederländische Grenzgänger und Kuhnst-Aktivist erklärt mir das Konzept, das in seiner Heimat längst etabliert, am deutschen Niederrhein jedoch noch kaum bekannt ist. Seit seiner Rückkehr nach Kevelaer zieht sich die Assertivität als roter Faden durch sein Schaffen – sie ist das philosophische Fundament seiner „Kultur, als sei es nichts“. Den kulturellen Bremsklötzen des Niederrheins setzt Cremers sein „anders ist nicht verkehrt“ entgegen, eine Haltung, die den gesunden Menschenverstand auf die Straße trägt und das Nichts als schöpferisches Potenzial begreift. „Wissen schafft sich selbst“, ruft er mir zu, eines seiner vielen kleinen Mantren, Gedankensplitter, die einem zunächst wirr und wild vorkommen, die aber in ihrer Gesamtheit eine stimmige Philosophie transportieren.

Ich erkenne Parallelen zu Nietzsches aphoristischer Philosophie im künstlerischen Ansatz von Cremers. Wie Friedrich Nietzsche bevorzugt auch Aloys die pointierte, spontane Formulierung: Mit knappen Aussprüchen, überraschenden Bildern und der Betonung des unmittelbaren Tuns taucht er – ähnlich wie Nietzsche – kurz und intensiv ins kalte Wasser der Erkenntnis ein, ohne sich in langen Erklärungen zu verlieren. Beide setzen auf die Freiheit des Geistes und die Kraft, sich von tradierten Denkgewohnheiten zu lösen. Cremers’ spontane, angstfreie Kunst und sein Mut zum Fehler spiegeln Nietzsches Überzeugung wider, dass Erfüllung und Kreativität nur durch das Durchschreiten von Unsicherheit und Scheitern möglich werden.
„Daß man damit nicht in die Tiefe, nicht tief genug hinunter komme, ist der Aberglaube der Wasserscheuen, der Feinde des kalten Wassers; sie reden ohne Erfahrung.“
– Friedrich Nietzsche in „Die Fröhliche Wissenschaft“ (fünftes Buch)
Fehlerkultur in Deutschland? Ein epic fail
„In einer positiven Fehlerkultur […] werden Fehler […] als Möglichkeit zu lernen sowie als Teil von Innovationsprozessen gesehen“, erklärt Roland Matuszewski vom zfm Bonn. Deutschland sei in dieser Hinsicht internationales Schlusslicht: Die deutsche Fehlerkultur belegt in einer Studie der Universität Lüneburg Platz 61 von 62 untersuchten Ländern. Aloys ruft zum Umdenken auf: „Fehler sind erlaubt – das ist das Gegenmittel gegen die German Angst“. Wer den niederrheinischen Niederländer erlebt, versteht: Assertivität bedeutet bei ihm jene Sicherheit des Selbst, die es braucht, um im Leben verwurzelt und dennoch grenzenlos kreativ zu sein – mittendrin mit seinem Nichts, aus dem alles entstehen kann.
Die Befreiung des Menschen – von Cloots bis Cremers
Aloys Cremers’ Konzept der Assertivität ist eng verbunden mit den Ideen von Anacharsis Cloots – jenem revolutionären Denker, der als „Redner des Menschengeschlechts“ vom Niederrhein aus die Weltbühne betrat. Cloots, geboren bei Kleve, war ein radikaler Verfechter universeller Menschenrechte und glaubte an die grenzenlose Souveränität der Menschheit – jenseits von Nationen, Religionen und tradierten Autoritäten. Seine Vision einer „Weltrepublik“ und sein kompromissloser Ruf nach Selbstbestimmung spiegeln sich im Kern von Cremers’ Assertivitätsbegriff wider.

Im Wirk-Universum des Aloys Cremers wird Assertivität zum Werkzeug gegen kulturelle Stagnation und geistige Trägheit. Wie Cloots, der sich gegen die Fesseln von Stand, Kirche und Staat auflehnte und für eine kosmopolitische Gesellschaft kämpfte, fordert Cremers ein selbstbewusstes, eigenverantwortliches Handeln aus dem schöpferischen Nichts – aus jener Eigenenergie, die jeder Mensch in sich trägt und die alle Menschen verbindet. Beide, Cloots und Cremers, eint die Überzeugung, dass Freiheit und Kreativität nicht von außen gewährt, sondern von innen heraus – durch aktives, assertives Tun – verwirklicht werden müssen.
Aloys’ künstlerische Initiativen, seine Arbeit an der Befreiung der Köpfe und Herzen, stehen damit in der Tradition aller Denker*innen, die die Menschen aufforderten, sich nicht von Angst und Autorität lähmen zu lassen, sondern mutig und mit gesundem Menschenverstand für ihre Rechte einzustehen. So wird der Niederrhein bei Cremers zur Bühne einer neuen, assertiven Weltbürgerschaft – ganz im Geiste des revolutionären Universalismus von Anacharsis.
Wenn Ihnen gefallen hat, was Sie hier gelesen haben, und Sie weitere Einblicke dieser Art in das Werk Aloys Cremers’ und anderer niederrheinischer Kulturitäten nicht scheuen, abonnieren Sie gern diesen Blog. (Falls Sie nicht wissen, wie das geht, schreiben Sie mir einfach eine Nachricht.) Und schauen Sie doch mal auf Aloys’ Website vorbei: www.aloys-cremers.de. Die ist zwar nicht ganz aktuell, aber es gibt trotzdem eine Menge Nichts zu sehen.
Alle Artikel zu Aloys’ Wirken und Ideen finden sich im Schlagwortarchiv.

Ein italienisches Sprichwort besagt: Des Menschen großer Feind ist seine eigene Meinung. Wie lautet Ihre?