Ghost Bastards

Das Gespenst von Canterville

„Ich möchte dem Gespenst keinesfalls irgendwie zu nahe treten“, meinte der amerikanische Botschafter, „und ich muss schon sagen, dass ich in Anbetracht der langen Zeit, die es hier im Schlosse zugebracht hat, es nicht gerade höflich finde, mit Kopfkissen nach ihm zu werfen […]. Wenn es andererseits“, fuhr Mr. Otis fort, „wirklich keine Neigung bekundet, sich des Aurora-Schmieröls zu bedienen, sind wir wohl gezwungen, ihm die Ketten wegzunehmen.“

Der amerikanische Botschafter Hiram B. Otis bezieht mit seiner Familie das alte englische Landschloss der Familie Canterville. Dort, so wird er ernstlich ermahnt, treibt seit Generationen ein Geist sein Unwesen. Mr. Otis — ein furchtloser, aufgeklärter Neuwelt-Materialist — hält das für naive Folklore, wie man sie im Alten Europa nicht anders erwarten würde. Mit diplomatischer Höflichkeit schlägt er alle Warnungen der Cantervilles in den Wind und zieht mit Kind und Kegel ein.

Nach wenigen Tagen ist klar: Hier spukt’s wirklich! Doch von Angst und Bangnis ist Familie Otis weit entfernt — ganz zum Leidwesen des Gespenstes, das fassungslos miterlebt, wie es Mal ums Mal unbeeindruckt zurechtgewiesen wird, all seiner raffinierten Kostüme und Gruselkabinettsstückchen zum Trotz. Dass die jungen Otis-Zwillinge ihm auch noch mit Fallen, Spott und Fletschen zusetzen, stürzt das Gespenst in eine tiefe Sinnkrise — bis ihm schließlich eine Idee kommt, dem Canterville-Anwesen und sich selbst auf arkane Weise den ewigen Frieden zu schenken.

Unheimlich? Komisch! Das Gespenst als dummer August

The Canterville Ghost — so der Originaltitel aus dem Jahr 1887 — ist Oscar Wildes allererste Erzählung. Wilde, der alte Ire, bezeichnete sie als hylo-idealistische Romanze. Damit wollte er vermutlich ausdrücken, welchen philosophischen Grundgedanken er in der Geschichte aufgreift: Dass es unser eigener Geist ist, der die Wirklichkeit erschafft, und dass dieser Geist der Materie übergeordnet ist.

Das Romantische ergibt sich aus Wildes Erzählweise: Mit feinem Alte-Schule-Humor verspottet er literarische Gattungen wie das Familienepos und die Gruselgeschichte — besonders die Gestalten des trockenen Botschafters Otis und des erniedrigten Gespenstes haben mir beim abendlichen Lesen drei bis fünf Gluckser entlockt. Wilde hat in diesem satirischen Rahmen ein unterhaltsames Wackelbild geknüpft; aus Komik, Sehnsucht, Gesellschaftskritik und sogar ein wenig unschuldiger Liebe.

Der Mutant liest Canterville

Der Mutant liest Canterville. Lesezeit: ca. 2–3 Stunden.

 

Advertisements
Tagged with:
Veröffentlicht in Tagebuch

Des Menschen großer Feind ist seine eigene Meinung. (aus Italien) Wie lautet Ihre?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Archiv
Kategorien