Martha

Ein romantisch-komischer Schmu

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Adelina Patti als Lady Harriet (Foto: Camille Silvy; Public Domain)

Der verzogenen Königstochter Lady Harriet Durham ist langweilig. Angestachelt von den plumpen Umwerbungen ihres Vetters und Verehrers Lord Tristan Mickleford, schleift sie denselben nebst ihrer Vertrauten Nancy auf den Markt zu Richmond, um sich unter’s gemeine Volk zu mischen. Im tollen Spiel verpflichten sich Lady und Nancy dort zu einem Jahr Dienst auf dem Pachthof der Herren Plumkett und Lyonel, die sich unsterblich in die vermeintlichen Mägde verliebt haben. Mägde, die – wie sich später am Abend herausstellt – überhaupt gar nichts Mägdisches zu tun vermögen. Zum Glück rettet Lord Tristan die panischen Edeldamen gleich in der ersten Nacht und sie entfliehen dem Hof. Die Sache darf nicht herauskommen, weil sonst Ladys Ruf hin wäre, also bewahrt man Schweigen und tut, als sei nichts gewesen.

Aber Pustekuchen: Bei einem Jagdausflug später im Jahr Treffen Plumkett und Lyonel erneut auf die Mädchen und es gibt einen Kladderadatsch, der mit der Festnahme Lyonels endet. Doch dank Plumketts Initiative stellt sich bald heraus — surprise, surprise: Lyonel ist gar kein einfacher Gutsherr, sondern der Nachkomme eines unschuldig verbannten Grafen. Das ändert alles, denn da Lyonel offenbar adelig ist, findet Lady ihn doch ganz gut und einer Hochzeit steht nichts mehr im Wege. Außer der schmachtende Lyonel selbst, der jetzt noch ein wenig herumweinen muss – das Ende zieht sich ziemlich. Zum guten Schluss kriegt Lady ihn aber rum, indem sie die Marktszene vom Anfang nachstellt und – na endlich: Er sagt ja. Plumkett und Nancy haben sich eh schon ziemlich lieb, also heiraten alle vier und es wird noch mal ordentlich gesungen:

Lady (Lyonel ihren Strauß reichend).
….. Der Lenz ist gekommen, die Rosen erblühn —
Lyonel.
….. Es strahlet die Zukunft in freundlichem Grün —
Beide.
….. Es flattern die Blätter in heiterer Luft —
….. Zum Heile, zum Glücke das Dasein uns ruft.
Alle.
….. Zum Heile, zum Glücke das Dasein uns ruft.

Oh man. „Martha“ mag als Oper mit Musik unterhaltsam sein; auf dem Papier bleibt davon aber nichts als seichte Seifenoper. Am spannendsten fand ich das Vorwort von Wilhelm Zentner, der das Werk so wohlwollend einzuordnen weiß, dass ich mir mit diesem Verriss nicht nur dumm, sondern auch wie ein Arsch vorkomme. Will ich mir die Opfer irgendwann mal anschauen? Nein. Mehr von Flotow lesen? Sicher nicht. Vielleicht aber vom Texter Friedrich Wilhelm Riese alias W. Friedrich, denn seine Bearbeitung des ursprünglichen Balletts ist technisch mitunter gut gelungen. Nur eben nicht gut genug, um dem flachen, kitschigen Inhalt beizukommen.

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Meistergeister und Digitalnomaden

DNP Mastermind Day 2017 in Hamburg

Lesezeit: ca. 6,5 Minuten

Die Welt als Büro

Arbeiten, wo andere Urlaub machen; Geld verdienen in der Hängematte – das ist das Idealbild eines Digitalnomaden. In Deutschland hört derzeit jeder anständige Digitalnomade zwei jungen Männern zu: Sascha Boampong und Timo Eckhardt sprechen in ihrem Digitale-Nomaden-Podcast (DNP) mit Menschen, die bereits Digitalnomaden sind oder auf dem Weg dorthin. Es muss nicht immer die Hängematte auf Bali sein: Selbstbestimmtes, ortsunabhängiges Arbeiten ist das rote Seil, auf dem alle Akteure der Szene balancieren. Und die nimmt im Windschatten des DNP stetig Fahrt auf.

Sascha und Timo bei der Begrüßung. Ihren eigenen Rückblick auf den Mastermind-Tag können Sie sich übrigens hier anhören.

Sascha und Timo begrüßen die Teilnehmer des DNP Mastermind Day. Ihren eigenen Rückblick auf die Veranstaltung können Sie übrigens hier hören. Foto: DigitaleNomadenPodcast.de

Realize before you digitalize

Zum Glück gibt es Erfahrungen, die lassen sich nicht digitalisieren. Darum begegnen sich auch Digitalnomaden gern analog, zum Beispiel, um voneinander zu lernen. So geschehen am Samstag vor einer Woche auf dem DNP-Mastermind-Tag in Hamburg. Mastermind – was ist das nun wieder, fragen Sie sich? Habe ich mich auch gefragt. Klären wir eben:

Séance mit Meistergeistern

Mastermind – auf Deutsch: Meistergeist – ist der Name einer Technik, mit der Sie in Kleingruppen Ideen, Pläne und Konzepte entwickeln, verbessern und untersuchen können. Dafür benötigen Sie eine Handvoll Teilnehmer mit ähnlichem Hintergrund – in unserem Fall Digitalnomaden und verwandte Geschöpfe –, eine Stoppuhr, Stifte und Papier. Im Rahmen einer Sitzung hat jeder Teilnehmer fünf Minuten Zeit, ein Problem, eine Vision oder einen Status quo vorzustellen. Dann gibt jeder der Übrigen seinen Senf dazu: Tipps, Kritik, Denkanstöße, eigene Erfahrungen und so fort; fünf Minuten je Teilnehmer. Die Ergebnisse werden schriftlich festgehalten und der Fragesteller teilt der Gruppe mit, welche der Punkte und Ideen er in den kommenden 72 Stunden umsetzen wird. Klingt einfach, ist es aber auch. Und wahnsinnig effizient, wenn man es richtig macht. Was ich daraus mitgenommen habe, lesen Sie weiter unten.

Zwischen Müsli und Gin-Tonic

Der Mastermind-Tag begann Samstagfrüh um 08:00 Uhr mit einem Müslifrühstück. Wie Sie richtiggehend befürchten, sind Digitalnomaden der Albtraum jeder Küchenminna: Alles muss entweder vegan sein oder glutenfrei, und wenn nicht, dann wenigstens mit Algen. Dazu ein grüner Smoothie. Klar. Zum Glück war einer der zwei Sponsoren der Veranstaltung ein äußerst hipper Cerealienfabrikant (dessen Namen ich hier gern erwähne, wenn ich einen Jahresvorrat der getreide- und zuckerfreien Kakaomischung bekomme – mit Algen). Das Frühstück genossen wir, wie auch den Rest des Programms, im Mindspace, einem schnieken Cowork am Hamburger Rödingsmarkt.

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Ein Bild vom späteren Abend, der Gin-Tonic-Tageszeit: der Autor mit den angehenden Nomaden René und Robin auf dem Lümmelsofa. Selfie: Robin Stolberg

Barcamp – das Unseminar

Nach dem Frühstück begann das Vormittagsprogramm: Sogenannte Unseminare, deren Namen ich so hübsch finde, dass ich die Bezeichnung Barcamp hier nur der Vollständigkeit halber erwähne. Das Konzept: Alle Teilnehmer sind eingeladen, selbst spontane Seminare zu halten. Kein Frontalunterricht allerdings, sondern ein gemeinsames Arbeiten in flacher Hierarchie (daher das Un-). Der Initiator eines solchen Unseminars muss kein Experte sein, sondern kann auch mit einer offenen Frage in die Runde starten. Mein Unseminar lief zum Beispiel unter dem Titel: „Spitz oder breit? Spezialist oder Generalist – habe ich Fokus oder Persönlichkeit?“ Über mögliche Antworten werde ich in einem späteren Beitrag berichten.

Sascha, Timo und Bano verteilen Unseminare auf Räume und Uhrzeiten. Foto: Robin Stollberg

Die Gastgeber Sascha, Timo und Bano verteilen Unseminare auf Räume und Uhrzeiten. Foto: Robin Stolberg

Meine Meistergeister

Nach den Unseminaren gab’s ein Mittagessen, eine kleine Pause und dann eben die Mastermind-Séancen. Ich landete in einer Vierergruppe mit Lea*, die gerade dabei ist, eine menschenfreundliche Onlinemarketingagentur zu gründen; Stefan*, der bald sein Studium beendet und nach Wegen sucht, Filmemachen und Webdesign unter einen Hut zu bringen; und Dominik*, der seinen Job in der IT-Branche verlassen möchte, um sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen, dem Online-Trading und Währungshandel. Alle drei gingen mit neuen Ideen und einem guten Gefühl aus der Session – Ideen, auf die sie allein nicht gekommen wären, so einfach sie auch scheinen mochten. Das ist ja das Tolle.

Und ich?

Ich hatte einen guten Monat Zeit, um mir eine konkrete Frage zu überlegen, mit der ich in die Séance starten würde. Ich habe mich dagegen entschieden. Also erzählte ich einfach, wo ich mit meiner Selbstständigkeit stehe, welche Ziele ich habe, wo es hapert und was ich mir wünsche. An die Rückmeldungen aus der Gruppe hegte ich keine großen Erwartungen. Im Tausch für meine Worte bekam ich dennoch frischen Wind – inklusive einiger origineller Böen aus eher unerwarteten Richtungen. Drei Punkte habe ich in den folgenden 72 Stunden umgesetzt:

  1. Ruhiger Ort: Ein paar Tage finden, an denen ich mich irgendwo in der Stille einquartiere, um an meiner Vision für mein Leben und meine Arbeit zu feilen.
  2. Wertekompass: Fünf Werte finden, mit denen ich mich identifiziere und die mir bei künftigen Entscheidungen helfen.
  3. Roter Faden: Eine klare Linie in meine Angebote / Produkte bringen und neue Angebote / Produkte konzipieren, die daran anknüpfen.

Das ist aber nur ein Bruchteil der vielen Punkte, die ich in ihrer Gesamtheit bereits auf einer Gedankenkarte festgehalten habe. Die kommt dann mit an den ruhigen Ort, wo ich sie weiter polieren werde. Die Auswirkungen werden Sie auch hier auf der Website zu sehen bekommen, soviel ist sicher.

Empfehlung – aber nicht für jeden

Würde ich noch einmal an einem DNP-Mastermind-Tag teilnehmen? Werde ich ganz sicher. Wer wirklich und ernsthaft selbstständig und ortsunabhängig arbeiten möchte, dem würde ich das auch empfehlen. Aber eben nicht jedem: Sind Sie etwa ein überzeugter Einzelkämpfer und hassen alle Menschen, dann werden Sie dort nicht glücklich werden. Und falls Sie das alles zwar recht spannend finden, aber aus guten Gründen nicht bereit sind, die vermeintliche Sicherheit und Bequemlichkeit Ihres Neun-bis-fünf-Jobs zu verlassen, dann sparen Sie sich das Geld. Veranstaltungen dieser Art sind nicht für Schwärmer und Theoretiker gemacht, sondern für Menschen, die ins (Weiter-)Machen kommen wollen.

Ein paar dieser Menschen habe ich mit nach Hause genommen. Allein dafür hat es sich gelohnt.

Auf der Aftershowparty. V.l.n.r.: Renan (das bin ich), Scarlett (Text & Konzept), Leo (Blogger, Programmierer)

Auf der Aftershowparty. V.l.n.r.: der Autor, Scarlett (Texte & Konzepte), Leo (App-Entwickler) Fotobox: Christoph Engel

  • Namen geändert.
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Ghost Bastards

Das Gespenst von Canterville

„Ich möchte dem Gespenst keinesfalls irgendwie zu nahe treten“, meinte der amerikanische Botschafter, „und ich muss schon sagen, dass ich in Anbetracht der langen Zeit, die es hier im Schlosse zugebracht hat, es nicht gerade höflich finde, mit Kopfkissen nach ihm zu werfen […]. Wenn es andererseits“, fuhr Mr. Otis fort, „wirklich keine Neigung bekundet, sich des Aurora-Schmieröls zu bedienen, sind wir wohl gezwungen, ihm die Ketten wegzunehmen.“

Der amerikanische Botschafter Hiram B. Otis bezieht mit seiner Familie das alte englische Landschloss der Familie Canterville. Dort, so wird er ernstlich ermahnt, treibt seit Generationen ein Geist sein Unwesen. Mr. Otis — ein furchtloser, aufgeklärter Neuwelt-Materialist — hält das für naive Folklore, wie man sie im Alten Europa nicht anders erwarten würde. Mit diplomatischer Höflichkeit schlägt er alle Warnungen der Cantervilles in den Wind und zieht mit Kind und Kegel ein.

Nach wenigen Tagen ist klar: Hier spukt’s wirklich! Doch von Angst und Bangnis ist Familie Otis weit entfernt — ganz zum Leidwesen des Gespenstes, das fassungslos miterlebt, wie es Mal ums Mal unbeeindruckt zurechtgewiesen wird, all seiner raffinierten Kostüme und Gruselkabinettsstückchen zum Trotz. Dass die jungen Otis-Zwillinge ihm auch noch mit Fallen, Spott und Fletschen zusetzen, stürzt das Gespenst in eine tiefe Sinnkrise — bis ihm schließlich eine Idee kommt, dem Canterville-Anwesen und sich selbst auf arkane Weise den ewigen Frieden zu schenken.

Unheimlich? Komisch! Das Gespenst als dummer August

The Canterville Ghost — so der Originaltitel aus dem Jahr 1887 — ist Oscar Wildes allererste Erzählung. Wilde, der alte Ire, bezeichnete sie als hylo-idealistische Romanze. Damit wollte er vermutlich ausdrücken, welchen philosophischen Grundgedanken er in der Geschichte aufgreift: Dass es unser eigener Geist ist, der die Wirklichkeit erschafft, und dass dieser Geist der Materie übergeordnet ist.

Das Romantische ergibt sich aus Wildes Erzählweise: Mit feinem Alte-Schule-Humor verspottet er literarische Gattungen wie das Familienepos und die Gruselgeschichte — besonders die Gestalten des trockenen Botschafters Otis und des erniedrigten Gespenstes haben mir beim abendlichen Lesen drei bis fünf Gluckser entlockt. Wilde hat in diesem satirischen Rahmen ein unterhaltsames Wackelbild geknüpft; aus Komik, Sehnsucht, Gesellschaftskritik und sogar ein wenig unschuldiger Liebe.

Der Mutant liest Canterville

Der Mutant liest Canterville. Lesezeit: ca. 2–3 Stunden.

 

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Live auf’m Weihnachtsmarkt

Am 16. Dezember 2017 stehe ich zwischen 19:15 Uhr und 19:30 Uhr gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Heidel auf der Kulturbühne des Weihnachtsmarkts am Kastellplatz (Haagstraße 11, 47441 Moers). Der Eintritt ist frei.

Eingeladen haben meine Freunde von TEN SING Moers, die das Spektakel unter dem Motto „Winterlärm 2017“ gemeinsam mit dem Bollwerk 107 und dem LVR auf den Markt bringen. Das Bühnenprogramm startet um 19:30 Uhr. Mit dabei unter anderem die Impro-Truppe Farbwerk und diverse Künstler aus dem TEN-SING-Umfeld.

Michael und ich werden Sie mit winterharten Worten verzücken. Was genau wir aushecken, müssen Sie schon selbst herausfinden. Wir freuen uns auf Ihr Erscheinen!

Update: Aus meiner Richtung wird es Rap-lastig werden. Sie dürfen also noch ein bisschen gespannter sein als ohnehin schon.

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Mein Freund Karl Ender

Heute möchte ich Ihnen meinen Freund Karl Ender vorstellen. Er betreibt eine Teermine.

(Wenn Sie jetzt nicht lachen, schmunzeln oder wenigstens gequält aufstöhnen, dann, mit Verlaub, sind Sie ein schlechter Mensch oder müssen noch einmal von vorn beginnen.)

In meinem Leben hat sich Karl Ender dreifaltig manifestiert: In meiner Hosentasche, an meiner Arbeitszimmetür und auf meiner Website. Alle drei Gestalten stelle ich Ihnen heute kurz vor.

Der Taschen-Karl

… ist eines der wenigen Luxusgüter in meinem Leben. Er sieht schlicht aus, stammt aber aus dem Geblüt Moleskine ([mɔleˈskiːne]), die wohl renommierteste Notizbuchmarke der Welt.

Gut dabei dank Maulwurfshaut

Der Name Moleskine geht zurück auf den britischen Schriftsteller Charles Bruce Chatwin (1940–1980). In seinen Reiseberichten pflegte er seine — für dazumal typischen — Notizbücher liebevoll als carnets moleskines zu bezeichnen. Im Englischen bedeutet moleskin Maulwurfshaut, das französische moleskine bedeutet Kunstleder. Chatwin maß seinen carnets moleskines enorme Bedeutung zu: „Einen Pass zu verlieren war das geringste aller Übel; ein Notizbuch zu verlieren war eine Katastrophe“, schrieb er in seinem Roman „Traumpfade“.

Absatzromantik

Das Italienische Unternehmen Moleskine SpA hat aus der Notizbuchromantik dezent Kapital geschlagen. Moleskine versteht es, den Notizbuch- und Kalenderkauf zu einem künstlerischen Akt von Weltbedeutung zu inszenieren, indem die Firma etwa verkündet:

„Moleskine […] legt die legendären Notizbücher von Künstlern und Intellektuellen […] wie Vincent van Gogh, Pablo Picasso, Ernest Hemingway und Bruce Chatwin, neu auf. […] Moleskine-Artikel […] bilden ein ganzes Arsenal an Utensilien, die eine Verbindung zwischen den Visionären der Vergangenheit und den Machern der Zukunft herstellen.“

Das Geniale an diesem Versprechen ist: Man muss nur daran glauben, um es wahr werden zu lassen. Ich für meinen Teil kalendriere und notiere in Moleskines und es ist mir schietegal, ob ich die gleiche Qualität woanders billiger haben kann. Dafür fahre ich Fahrrad und habe keinen Fernseher.

Seit zwei Jahren begleiten mich die Moleskine-Wochennotizkalender (unten im Bild liegend); für 2018 entschied ich mich für das dickere Daily Diary (oben im Bild stehend). Beide Varianten sind für unter 20 Euro zu bekommen. Muss man aber nicht haben, ich sag nur.

moleskine

Oben: Daily Diary. Unten: Wochennotizkalender. (Die Verschmierungen beruhen auf dem Zeugenschutzprogramm und den Tinder-Datenschutzrichtlinien.)

Der Wand-Karl

… hat mein Leben verändert. Ein Freund gab mir den Tipp, einen dieser Großformat-Wandplaner zu kaufen (danke, DJ). Der Vorteil: Man hat das komplette Jahr im Blick und kann entsprechend weitsichtig planen. Hektisches Blättern im Kalender, das Telefon zwischen Schulter und Wange geklemmt? Nie wieder. Fehlende Ruhepausen zwischen zwei ausmergelnden Projektzyklen? Kann mir nicht mehr passieren. (Oh Gott, jedenfalls hoffe ich das.)

Ich habe mich für eine recht einfache Variante aus dem Hause Heye entschieden, den Mega-Posterplaner. Kostet um die fünf Euro und ist doppelseitig bedruckt, ergo gleichschick für Hoch- und Querformatliebhaber.

heye-wandkalender

Der Mega-Posterplaner kurz vor der Entjungferung. Maße: 98 x 68 cm.

Der Digi-Karl

… ist weniger für mich, als für Sie gedacht — vorausgesetzt, Ihr Interesse an meinem Schaffen ist nicht bloß vorgeheuchelt. Jahrelang habe ich sämtliche Termine händisch auf eine Webseite eingetragen. Seit einigen Wochen probiere ich nun den Google-Kalender aus. Der ist nicht besonders schön, aber praktisch: Ich kann ihn von allen Geräten editieren, an verschiedenen Stellen im Netz einbinden, kann befreundete Künstler als Koautoren einladen und vieles mehr. Praktisch und schön wäre mir allerdings lieber — Sie haben nicht zufällig einen kompatiblen Tipp?

googlecalendar

Auf Kalendersuche

Als Nachtisch noch ein Palindrom (ein Text, den man von vorne und von von hinten lesen kann). Es trägt den Titel Auf Kalendersuche, gibt ein besoffenes Urlaubsgespräch auf dem Souvenirmarkt der Sierra Lacandona wieder und möchte nicht ganz ernst genommen werden:

– „Neu Alk? Red’.“
– „O, na, Nino — DNA-Kalender!“
– „Red’ ne Lakandonin an!“
– „Oder klauen?“

 

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Als Buche unter Palisandern

Gleich vorweg: Die Buche bin ich. „Ein ehrliches Holz ohne Starallüren“, argumentiert eine Freundin an meine Würde und verhindert gerade noch, dass ich mich zur Pressspanplatte degradiere.

Die Palisander, das sind meine verrückten Gäste der letzten Woche: Rhythm Shaw aus Indien (siehe vorletzter Post) und Antoine Dufour aus Kanada, ihres Zeichens saugute Gitarristen, mit denen wir sauviel Spaß hatten. Wir, das waren außerdem mein Beinahe-Nachbar Heiko Bloemers, ebenfalls ein sauguter Gitarrist, und Charli Kornblum, eine sehr besondere Sängerin aus Spanien (sie singt Obertöne, faszinierend), die außerdem die Frau an Heikos Seite ist.

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Oben: Buche. Unten: Palisander. Kapiert? (Cartoon: Martin Perscheid. Bitte kaufen Sie alle seine Bücher.)

Die Woche startete mit einem kleinen Workshop und einem Konzert von Heiko und Rhythm in der Stockumer Schule. Charli hat glücklicherweise die gesamte Show gefilmt; Sie können sich sowohl Heikos Soloset und Rhythms Soloset als auch den Auftritt ihres Duos Heikotic Rhythm auf Facebook anschauen.

Mitte der Woche stieß Antoine Dufour zu uns; Sie kennen ihn vielleicht als Youtube-Sensation: Viele seiner Videos wurden millionenfach angeklickt und er ist maßgeblich mitverantwortlich, einen guten Teil der Welt mit dem Fingerstyle-Virus beimpft zu haben.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie Heiko vor gut zehn Jahren hypnotisiert in seinem Zimmer vor dem Rechner saß, um Antoines Fingerkunststücke zu kapieren. Persönlich kennengelernt haben sich die beiden einige Jahre später beim Thomas Leeb Acoustic Fingerstyle Bootcamp in Österreich. Antoine war einer der Lehrer. Dort machten die zwei auch Rhythms Bekanntschaft — und nur deswegen hatte ich die Ehre, beide als Gäste zu empfangen. Ich bin nämlich eher ein LoFi-Slacker-Gitarrist, der nur Anfänger beeindrucken kann. Leidlich.

Da saß also ich, die Buche, auf der Couch mit drei Palisandern, und traute mich erst gar nicht, die Gitarre überhaupt zur Hand zu nehmen. Dann tat ich es doch — zum Glück, denn was später in der Nacht im guten alten CLUB-Keller passierte, war, um es mit Rhythms Worten zu sagen, „some crazy fun […] some other level madness!“ Yeah. War es wirklich. Keine weiteren Kommentare.

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v.l.n.r.: Rhythm Shaw (Palisander), Heiko Bloemers (Palisander), der Autor (Buche), Antoine Dufour (Palisander); wenige Stunden vor der Other-level-madness. (Foto: Charli Kornblum)

Am nächsten Morgen zog Rhythm das Taschentuch und fuhr seiner Deutschlandtour entgegen. Antoine blieb noch, wir redeten über Underberg, Nationalgerichte und Einkommenssteuerbescheide, während draußen der Herbst zu wintern begann. Einen Tag später war auch er fort, der Youtube-Star aus Kanada, und unser Haushalt bestand wieder aus nicht-berühmten Menschen ohne Superkräfte.

Was mir erneut bewusst wurde in der Zeit mit den verrückten Edelhölzern — die übrigens sehr bodenständig, herzig und menschlich sind, wenn man sie auf keine Sockel hebt und nicht marmoriert: So lüstern ich ab und zu am Palisander schnuppre, so gerne bin ich Buche. Großes Talent und Berühmtheit bringen ein Leben mit sich, auf das ich langfristig nur bedingt Lust habe. Ich glaube, das benutze ich ab jetzt als Ausrede dafür, zu faul zum Üben zu sein.

Ein Tipp und ein Trost zuletzt: Sollten Sie die Gelegenheit haben, Charli, Heiko, Antoine oder Rhythm einmal live zu sehen, dann lassen Sie keine Ausreden gelten und hechten Sie hin, es lohnt sich. Und jetzt noch der Trost für alle Buchen und Pressspanplatten da draußen:

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Für gewisse Ziele reicht es in der Regel, eine Gitarre in der Hand zu halten. (Quelle: Internet)

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Lachyoga

Lachen ist eine körperliche Übung von großem Wert für die Gesundheit.

Aristoteles

Stimmt. Und deswegen zeige ich Ihnen heute meinen derzeit liebsten Übungsraum: den Twitterkanal @ThePunnyWorld. Sie werden ihn entweder nicht verstehen, ihn lieben oder ihn hassen. Ich halte einige der dort geteilten Wortwitze für die großartigsten Errungenschaften der Menschheit. Sie sollten das wissen, bevor Sie sich mit mir einlassen, denn ich erfinde ständig selber welche, und damit muss man klarkommen.

Theorie bringt uns an dieser Stelle nicht weiter. Hier einige meiner Leib- und Magentweets der letzten Woche:

Und, sind wir noch Freunde?

PS: Ja, ich weiß, es gibt andere Kanäle wie diesen und die Witze sind teilweise alt. Na und? Ich lache mich jeden Tag kaputt. Was machen Sie so?

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Mumbai calling — Rhythm in Rheinberg

„Hey Renan, that’s Rhythm Shaw from India.“ Heiko Bloemers zeigt auf einen schmächtigen jungen Mann, der neben ihm die Schützenstraße entlangschlendert und noch nicht lange aus dem Nest gefallen sein kann. „Hi Ryhthm“, sage ich und reiche ihm die Pranke, „nice to meet you in person!“ Wir wechseln ein paar Worte, dann muss ich weiter. Ich habe mich daran gewöhnt, dass mein Freund, Musikbuddy und Gelegenheitsmentor Heiko hin und wieder Gitarrenmenschen aus fernen Ländern auftischt. Aber manchmal kommen sie wieder.

Mr. Sarasvati-im-Somarausch

Heute, sehr gute zwei Jahre später, ist Rhythm zum dritten Mal bei uns. Ich sage „uns“, weil er in der Zwischenzeit auch mir ans Herz gewachsen ist. Nicht, weil er wie Sarasvati im Somarausch Gitarre spielt; das kenne ich von Heiko, man gewöhnt sich daran. Nee, er ist einfach ein prima Mensch, dem meine Sippschaft und ich gerne Bett und Brot kredenzen.

Anlass für Rhythms Besuch ist seine diesjährige Deutschlandtournee — und mithilfe einiger lieber und spontaner Menschen haben wir es geschafft, eben dieser Tournee ein kleines Vorspiel am Niederrhein zu verschaffen. Heute starten wir mit einem gemütlichen privaten Workshop für alle, die gerne von den Besten klauen; morgen, Mittwoch, geht es dann offiziell los mit einem Konzert in der Stockumer Schule. Über beides hatte ich hier bereits berichtet.

Heikotic Rhythm — ein Power-Duo

Heiko und Rhythm spielen je eine der beiden ersten Gitarren im Power-Duo Heikotic Rhythm. Und anstatt Ihnen zu beschreiben, was für herzige Menschen und gnadenlos begnadete Gitarristen die beiden sind, lassen Sie sich doch bitte von folgendem Video überzeugen, bei nächster Gelegenheit vorbeizuschauen. Sprechen Sie mich an, falls Sie Interesse am Workshop haben (der startet allerdings in zweieinhalb Stunden, also beeilen Sie sich) — und zum Konzert in Voerde können Sie gern einfach vorbeischneien. Es lohnt sich, und darauf mein großes Musikerehrenwort.

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Justitia

Mein PARTEI-Kollege Kenny und ich spielen sämtliche Nebenrollen im neuen Musikvideo der Rheinberger Punkband Allgemeines Denkvermögen (ADV), das am 4. November auf Youtube erschienen ist. Kenny mimt darin einen biertrinkenden, gehirntoten Fernsehkiffer im Trainingsanzug, ich einen reichen kranken Wichser ohne Gewissen. Der Song Justitia entstammt ADVs aktuellem Album Kreuzung der Entscheidung.

Sie fragen sich vielleicht, was ich mit Deutschpunk zu tun habe. Das erkläre ich Ihnen gerne: sehr, sehr wenig. Aber einige meiner Freunde haben ihre Seelen dem Pogo verkauft, und wenn Anfragen aus der Hölle kommen, kann ich nur schwer nein sagen. Außerdem sind ADV live immer ein Erlebnis, ob man nun auf die Musik steht oder nicht. Schauen Sie mal vorbei.

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Für ADV durfte ich Fuffis durch den Club schmeißen. Als flexibler Rapper schafft man so etwas auch zu Deutschpunk. Der Hut gehörte übrigens meinem Opa. (Screenshot: (c) Allgemeines Denkvermögen / Lennart Pede)

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Leser beschimpfen

Besucht man die richtige Demo, kann einem heute jeder 15-jährige Marx‘ Kapital erklären. Fantastisch. Noch fantastischer gefiel mir Marx‘ Vorwort zu irgend einer der vielen Neuauflagen des Kapitals, in dem er leidenschaftlich darüber herzog, dass und von wem er nicht verstanden würde. Er teilte aus wie ein angestochener Tupamaro, was mich sehr amüsierte. Mehr als das Vorwort habe ich dann auch nie gelesen, denn Marx nach dieser Vorrede zu verstehen, das wollte ich mir nicht antun.

Gestern Abend musste ich wieder daran denken, als ich mir, im Bett liegend, Ernst Ecksteins Schulstreich-Humoreske „Der Besuch im Karzer“ vornahm. Hier ein Auszug aus dem Vorwort  zur 54. Auflage:

„Ich gestaltete [die Humoreske] ohne jeden Hinblick aufs Publikum. Ich war mein dankbarster und eifrigster Leser. Schon diese Genesis überhebt mich der Mühe, auf die Anfeindungen beschränkter Seelen […] zu antworten. Ich habe den ‚Besuch im Karzer‘ geschrieben, weil das Ding mir Vergnügen machte — nicht aus diesem oder jenem abseits gelegenen ‚Motiv‘. Das freilich kann ein trübseliger Pedant, dem die spontane Wirksamkeit einer fröhlichen Laune unbekannt ist, mit all seiner Gelehrsamkeit nicht begreifen. Mögen die Herren fortfahren, ihrem Ärger […] Luft zu machen! Unsere vierundfünfzigste Auflage wird deshalb ebensowenig ins Wasser fallen wie die bisherigen.“

Aaah, herrlich. Eckstein hat mit seiner Polterei etwas geschafft, das Marx nicht geschafft hat: Ich habe das Buch in einem Zug heruntergegluckst und mich gefreut, in Eckstein einen Bruder im Geiste gefunden zu haben — einen, der weder sich selbst zu schade für Blödsinn war, noch dem Irrglauben anheim fiel, ein Autor müsste seine Kritiker und Interpretatoren mit Pietät bedampfen.

Das gilt im Übrigen auch für Ecksteins Verhältnis zur Rechtschreibung: Mitten im Fließtext wendet sich der Autor an den Leser und rächtfärtägt dä sältsamä Orthographie seines Rektors Heinzerling mit den Worten:

„[Er] sprach allerdings nicht ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte; allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel zur Hand, die spezifische Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnbildlichen. […] So lange unser armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen für Zwitterlaute zwischen i und e, zwischen u und o usw. besitzt, so lange wird der Historiograph, der sich mit Herrn Dr. Samuel Heinzerling beschäftigt, die von uns vorgeschlagene Rechtschreibung adoptieren müssen.“

Äch wäderhole: Härrläch! Das Büchlein sei hiermit warm empfohlen.

2017-11-04 13.29.03

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