Dear English speaking audience: This is chapter one of our travel blog on tripping Europe without money. Our main language is German but we’ll make sure there’s always at least some summary in English. We’re happy to have you tuned in and subscribed to this blog! In this first post, we feature a newspaper article on our plans – travelling Europe making our livings on street music and selfmade trinkets. We, that is Manu + Renan (= <3), our daughter Hermine (12) and dog lady Maya. Our first stop was the market place of our home town Rheinberg where we sayed good bye with a street music concert. And off we are. We’ll keep you posted!
Das ging ja gut los! Zum Abschied versammelten sich rund 30 Menschen auf dem Rheinberger Marktplatz, von ganz schön jung bis ganz schön nicht mehr ganz so jung, und lauschten unserem Abschiedskonzert. Dass wir ohne Geld gen Süden fahren und ein Goodbye-Konzert in unserer Mutterstadt geben würden stand nicht nur in der Zeitung (siehe unten), am Morgen unseres Abreisetags hatte sich auch Radio KW gemeldet, denen wir am Nachmittag ein Interview gaben.
Lea aus der Radio-KW-Redaktion konnte uns auch versprechen uns zu retten, falls wir in Not kommen würden. Die Zuhörer*innen des Senders seien schließlich auch zu Teilen im Urlaub, man wisse ja nie, wo die sich gerade herumtrieben und welche Geschichten das Leben wieder schreibt.
Aber in Not zu kommen, davon gehen wir nicht aus. „Wenn man immer mit dem Schlimmsten rechnet, kann man keinen Spaß haben“, sagt Manu immer, und diese Ansicht teilen wir.
Danke an dieser Stelle nochmals an alle, die uns uns in Rheinberg Lebewohl gesagt und etwas in unseren Hut geworfen haben. Es war schön, so warmherzig verabschiedet worden zu sein. Vielleicht war manch*e auch einfach froh, uns los zu werden, aber eins können wir sicher versprechen: Wir kommen wieder!
Beim Abschiedskonzert in Rheinberg am 14.06.
Bis dahin: Abonniere gern diesen Blog, folge unserer Instagram-Story und sei Teil unserer Reise! Demnächst auch auf Youtube. Wer uns gern etwas in den Hut schmeißen will, aber aus Raumzeitkontinuumsgründen nicht kann – das geht auch digital: paypal.me/renancengiz. Danke!
Nach einem äußerst gelungenen Festival – Nachbericht folgt – geht es in nächste Abenteuer:
Ohne Geld in den Süden!
Das Geld spielen wir unterwegs ein, mit Straßenmusik, selbstgemachtem Schmuck und was uns so einfällt. Wir, das sind Manu und ich, unsere Tochter Hermine (13) und zwei Hunde und unser alter Camper. Unser Ziel: Eventuell Portugal, aber mal sehen, wohin der Wind uns weht.
Erstes Konzert in Rheinberg
Erste Station: Rheinberg-City – am Mittwoch um 18 Uhr sagen wir mit einem Straßenmusikgig Lebewohl und hoffen auf eine kleine Anschubfinanzierung. ;) Sehen wir uns dort?
Am Wochenende 2.–4. Juni ist es soweit – das KPiP-Festival in Rheinberg rollt an. Das bedeutet drei Tage Musik, Kunst und Kultur im Stadtpark. Der Eintritt zum Festival ist frei, um Hutspenden für die Künstler wird gebeten. Bespielt wird die Parkfläche vor und neben dem Spanischen Vallan. Nebst einem Bühnenprogramm wird ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm geboten, von Kunsthandwerk über Theaterperformances bis hin zu Mitmach-Angeboten für Kinder.
Das KPiP-Festival findet erstmals unter eigenem Namen statt, war jedoch bereits letzten Sommer als Teil des Rheinberger Kulturfestes im Stadtpark angesiedelt.
Drei Festivaltage mit Bühnenprogramm
Wie im letzten Jahr startet das Festival am Freitag um 16 Uhr mit einer Technoparty. Vier DJs heizen ein, Headliner ist die Szenegröße KriZ FadE. „Die Party ist im letzten Jahr auf unheimlich viel Resonanz gestoßen“, erzählt Vallanistin und künstlerische Leiterin Manu Bechert. „Ursprünglich wollten wir uns nur im kleinen Kreis auf das Festival einstimmen, aber als sich immer mehr Menschen ankündigten, planten wir spontan größer und es war klar: Das muss es im nächsten Jahr wieder geben.“
Am Samstag spielen nach der Eröffnung um 13 Uhr diverse Bands auf der Hauptbühne: „Von der Schülerband über Ruhrpott-Rapper und Classic Rocker bis hin zu gehirnschmelzender Avantgarde ist alles dabei“, verspricht Bechert. Headliner sind die Post-Wave-Rocker von Death, Love And Acid und das Drum-and-Bass-and-Violin-Duo UGLYDUB.
Am Sonntag geht es gemütlicher, aber keine Spur langweiliger zu: Nach einer Frühstückslesung mit Schauspieler Rupert Seidl um 11 Uhr treffen Jazz- und Liedermachermusik auf gut gelaunten Grunge und Irish Folk. Headliner sind Liedermacherin Sylvia Kirchherr und das Jazzquintett Hyperschall.
Buntes Rahmenprogramm
Begleitet wird das Geschehen auf der Bühne von einem vielfältigen Rahmenprogramm: Es gibt ein Wiedersehen mit Schauspieler Peter Trabner, der als Security-Chef das Festival unsicher macht, mit dem Kunstkollektiv Habitat 49 aus Geldern und anderen aus dem letzten Jahr bekannten Gesichtern. Dazu präsentieren sich Kunsthandwerker, Vereine, Privatpersonen, Unternehmen und Kleinkünstler auf dem Festivalgelände.
Auch für Kinder ist gesorgt: Neben Mal- und Bastelangeboten, etwa vom Rheinberger Creaktivo-Team, lädt Spiel- und Theaterpädagogin Romy Trabner Kinder ab drei Jahren in ihr Mitmach-Zelt ein.
Gegen Hunger und Durst stehen die Festival-Cocktail-Bar, ein Kuchen-Point im Spanischen Vallan und diverse Food- und Drink-Trucks bereit.
Solidarisch und nachhaltig
„Das KPiP ist ein offener Raum für alle Menschen“, so Bechert. Das Miteinander steht in jeder Hinsicht im Vordergrund: Von der Einbindung verschiedenster lokaler und regionaler Akteure bis hin zur Rücksicht auf die Natur. Da versteh es sich von selbst, dass die Anfahrt möglichst mit dem Rad oder den Öffis erfolgen sollte. Der Freibad-Parkplatz ist Ausstellern und Künstlern vorbehalten.
Veranstalterin des Festivals ist die Kulturinitiative Spanischer Vallan (Manu Bechert und Renan Cengiz) als Teil des Kulturprojekte Niederrhein e.V. in Kooperation mit der Stadt Rheinberg. Hauptsponsor ist die Kulturstiftung der Sparkasse am Niederrhein.
Das englische Wort turmoil bedeutet Aufruhr, Tumult, Getümmel oder Trubel. Vielleicht liegt es in der Natur(m) der Sache, dass Turmkunst und Turmkultur immer auch ein wenig Rebellion erfordern.
Dieser Artikel ist Teil 2 einer Serie zu Aloys Cremers. Hier geht es zu den Teilen [1] und [3]]
Nichts zu sehen
Es ist März. Genau in dem Moment, in dem ich dies schreibe, fährt der Bus, in dem ich sitze, am Nichts vorbei – einem dieser aufmüpfigen Türme, die mich begleiten, seit ich selbst als Vallanist an der Seite von Manu Bechert zum Turmwirker wurde.
Der Orsoyer Containerturm Nichts ist das geistige Kind von Reinhold Kuch und Aloys Cremers. Als niederrheinisches Perpetuum mobile ist die alternative Freiheitsstatuet ein Eckstein in Aloys’ Niederrheinzyklus, einer von vielen. Das Nichts wirkt bereits, auch wenn es offiziell noch eine Baustelle ist – doch schon jetzt gibt es hier Nichts zu sehen. Gestern saßen wir zu Dritt beieinander, bei einem Kaffee in Reinholds Garage, und haben über den status turris geredet. Wir sind uns sicher, dass Reinhold als Turrist schon bald Touristen in Orsoy empfangen wird, die das Nichts ausfüllen und mit ihrer Eigenenergie beleben, aufeinandertreffen und ihre Wesenskerne zum Strahlen bringen, als wären sie auf der Suche nach dem Higgs-Bosom – ganz im Sinne der Aloys’schen Befreiungsphilosophie.
Bilder von unserem ersten Besuch am Orsoyer Nichts im Herbst 2021, heute sieht es schon anders aus.
TurmArt und KUHnst
Aloys’ erster Turmstreich gipfelte in einem Studierbuch der FernUni Hagen, das er uns nach unserem Einzug im Spanischen Vallan beim Einstandsbesuch in die Hände drückte. Darin konserviert: Die Erkenntnisse und Erfahrungen aus der TurmArt in Geldern. Ab 1993 hatte Aloys mit der Künstlergruppe KUHnst Ausstellungen und Spektakel im alten Gelderner Mühltenurm auf die Hufen gestellt, aus denen der „KUHnst Turm Niederrhein e.V.“ hervorging. 1999 kaufte der Verein den Wasserturm am Ende des Gelderner Bahnhofsparkplatzes. Anstelle der TurmArt gab und gibt es hier das TurmStipendium: Einige Wochen lang werken und wirken die Stipendiat:innen im Turm – wer mag, kann zugucken, und die entstandenen Kunstwerke werden später ausgestellt.
Das KUHnst-Konzept stammt ebenfalls von Aloys, gemeinsam mit Peter Busch haben die beiden KUHnstler es vor der TurmArt aus der Tränke gehoben. Das zusätzliche H weitet den Kunst-Begriff, fügt etwas hinzu, und steht dem Künstlichen in der Kunst, dem Prothesenhaften, entgegen. „Eine Addition, die sich […] auch als Referenz auf die Niederrheinische Landschaft deuten ließ, eine augenzwinkernde Referenz, die von Anfang an Humor (und Selbstdistanz) statt gnadenloser Intellektualität mit sich führt“, ergänzt der Soziologe und Systemtheoretiker Prof. Dr. Peter Fuchs in einer Analyse.
„Der Turm. Die Stadt. Die Kunst. Zu Problemen der kulturellen und künstlerischen Selbstorganisation auf kommunaler Ebene. Ein Studierbuch“ von Peter Fuchs, Rolf-H. Geller und Ulrike Hanke (Hagen: Fernuniversität Hagen, 1994)
Ein türmender KUHnstler mit Nichts im Gepäck
Es ist April. „Türme, als Probleme, versperren die Sicht – man kann dem Problem ausweichen, indem man drumherum geht, oder man geht in den Turm, in das Problem hinein“, erklärt Aloys. Es ist gut zwei Wochen später, wir stehen in seinem Keller und er zeigt mir, was er alles mitnehmen will: Aloys türmt nämlich gerade, zumindest ein bisschen, nach Kevelaer, wo ihm ein Atelier zur Verfügung steht, und ich bin einer von einigen, die ihm dabei helfen, alles Nötige zusammenzupacken: Schränke, Drucke, Gemälde und Utensilien; jedes Teil hat eine Geschichte.
Zwischen den Ohren
Es ist Mai. Irgendwie ist ja jeder Mensch ein Turm, sage ich mir, während ich an gestern denke. Aloys hat uns mal wieder am Spanischen Vallan besucht, dem Turm im Rheinberger Stadtpark, der seit knapp zweieinhalb Jahren das Zentrum unseres Schaffens darstellt. Plakate und Broschüren hat Aloys vorbeigebracht, und viele Neuigkeiten aus seinem Atelier in Kevelaer, seinem Kulturlabyrinth, in dem er seine NachLast in Form eines gigantischen DANKMALS in den Kosmos quirlt. Danke sagen möchte er, sein Nichts wirken lassen in den Menschen, diesen wandelnden Türmen.
Denn Aloys’ KUHnst mag zwar auf Bildern, in Büchern und auf Skulpturen abgebildet sein – stattfinden tut sie aber zwischen den Ohren. Es geht dabei um Freiheit, und wenn Aloys von seinem Nachlass redet, meint er nicht primär die Dinge, die Luft verdrängen, all diese Lasten. Er meint die Fortpflanzung des Nichts in die nächste Generation, das Fortleben der Befreiung der Köpfe und Herzen. Indem er das erlebbar macht, kann es sich verbreiten. „Ich mache nur Türen auf“, sagt er, für die nächste Generation. „Jetzt seid ihr dran, etwas daraus zu machen.“ Was genau, das möchte er nicht bestimmen, denn das Nichts hat seine eigene Dynamik, sobald es einmal zwischen den Ohren angekommen ist.
Nichts zu verstehen, dazu lädt er ein, nach Kevelaer in sein Labyrinth in der Hauptstraße 22, zu den Kreis Klever Kulturtagen, am 20. und 21.05.2023 von je 10 bis 17 Uhr.
Aloys vor dem Spanischen Vallan mit Flyer und Plakat zu seiner NachLast-Aktion.
Wenn Ihnen gefallen hat, was Sie hier gelesen haben, und Sie weitere Einblicke dieser Art in das Werk Aloys Cremers’ und anderer niederrheinischer Kulturitäten nicht scheuen, abonnieren Sie gern diesen Blog. (Falls Sie nicht wissen, wie das geht, schreiben Sie mir einfach eine Nachricht.) Und schauen Sie doch mal auf Aloys’ Website vorbei: www.aloys-cremers.de Die ist zwar nicht ganz aktuell, aber es gibt trotzdem eine Menge Nichts zu sehen.
Vielen Dank an die Agentur Tenge & Spangenberg für den Druck von Programmheft und Plakat sowie einen Slot auf der Videowall Rheinberg! Ab Montag ist dort der folgende Beitrag zu sehen:
Vorwort des Programmhefts
Hallo, Mensch!
In deinen Händen hältst du das Programmheft zum KPiP-Festival Rheinberg 2023. Initiatoren des Festivals sind wir, Manu Bechert und Renan Cengiz, auch bekannt als die Vallanisten. Seit wir im Dezember 2020 von der Stadt Rheinberg die Schlüssel zum Spanischen Vallan erhalten haben, veranstalten wir regelmäßig und überwiegend ehrenamtlich Kunst- und Kultur-Events rund um das verwunschene Türmchen im Rheinberger Stadtpark.
2022 organisierten wir das erste Festival, damals im Rahmen des Rheinberger Kulturfestes. Dieses Jahr ist es uns gemeinsam mit Kulturprojekte Niederrhein e.V. und mithilfe wunderbarer Sponsor,- Partner- und Helfer*innen gelungen, ein autarkes Festival auf die Beine zu stellen. Schirmherr ist Rheinbergs Bürgermeister Dietmar Heyde.
Wer und was Dich beim KPiP genau erwartet, erzählen wir dir im vorliegenden Programmheft. Eines vorab: Das Festival kostet keinen Eintritt, doch viele unserer Künstlerinnen und Künstler sind auf eine Spende angewiesen. Wo ein Hut rumgeht, bitten wir dich um einen Groschen für die gute Sache.
Und jetzt viel Vorfreude beim Durchblättern, wir sehen uns im Juni!
Manu und Renan
Das KPiP-Festival findet vom 02.–04. Juni 2023 im Stadtpark Rheinberg rund um den Spanischen Vallan statt. Das FEstival beginnt mit einer Technoparty am Freitag ab 16 Uhr, am Samstag und Sonntag ist für ein diverses Bühnen- und Rahmenprogramm gesorgt, das am Samstag um 13 Uhr mit der offiziellen Eröffnung beginnt, am Sonntag um 11 Uhr. Das KPiP endet am Sonntag gegen 19:30 Uhr.
Anfang Mai war Saisoneröffnung am Spanischen Vallan im Rheinberger Stadtpark. Seitdem ist jede Menge los – neben dem üblichen Kultukaffeeklatsch an den Sonntagen gibt’s jeden Samstag Abend eine Acoustic Session, außerdem ein Kneipenquizz und ein Bierpongtournier. Mehr dazu unten.
Die erste Acoustic Session fand vergangenen Samstag statt. Zu Gast war Gitarrist und Singer/Songwriter SEPP aus dem Habitat 49 mit charmant-melanchonischen Eigenkompositionen aus seinen letzten Album „Upwards/Downwards“ und seinem demnächst erscheinenden Album „There must be something more out there“. Zu späterer Stunde hat FRANZ LOSZT als kleine Dreingabe eine intime Hommage an John Frusciante kredenzt. Ein Highlightvideo des Abends findet sich auf dem Youtube-Kanal des Spanischen Vallans:
Unten erfährst du, was und wann dich den restlichen Monat über erwartet – Details werden jeweils zeitnah bekannt gegeben, meist zuerst auf dem Instagram-Kanal des Spanischen Vallans und nach bestem Vermögen auch hier im Blog.
Jeden Samstag, 19:30 Uhr: Acoustic Session. Jeden Sonntag ab frühem Nachmittag: Kulturkaffeeklatsch (Kaffee und Kuchen gegen Spende). Fr., 12.5., 19:30 Uhr: Kneipenquiz mit Klaus. Fr., 19.05., 19:00 Uhr: Bierpong-Derby.
Der Eintritt zu den Konzerten und ist frei, ein Hut geht rum. Für das Bierpong bitte einen Unkostenbeitrag von € 5/Team bereithalten. Das Kneipenquiz kostet ebenfalls nüscht, außer Gehirnzellen.
Am Samstagabend haben wir recht spontan die Vallan-Saison 2023 eingeläutet. Was für eine Eröffnung! Besonders haben wir uns über Laura und Justin gefreut, die spontan mit FRANZ LOSZT & APOLONIA auf die Musikbühne gehüpft sind. Danke an alle, die mit uns den Saisonstart gefeiert haben, danke an alle Helferinnen und Helfer – wir sehen einem vallanistisch-wundervolles Jahr mit euch entgegen!
Es folgt ein Highlight-Video mit einigen schönen musikalischen Momenten des Abends:
Der Spanische Vallan ist eine Kunst- und Kulturstätte im Stadtpark Rheinberg, betreut und kuratiert von Manu Bechert und Renan Cengiz.
Die Saison kann beginnen! Diesen Samstag öffnet der Spanische Vallan im Stadtpark Rheinberg ab 18 Uhr die Fenster. Von 19:30–20:30 Uhr gibt’s Livemusik von FRANZ LOSZT & APOLONIA. Komm vorbei und feier mit uns den Frühling!
Diesen Samstag geht’s los.Manu hat extra alles ordentlich gemacht.
Bei gutem Wetter sind wir auch sonntags wieder wie gewohnt für euch da!
Seit dem Jahr 1550 wird in Rheinberg nachweislich Karneval begangen – vielmehr: Mummenschanz, wie es damals noch hieß. Gefeiert wurde mit einem Maskenball, Theater, Gesang, Tanz – und sicher auch Rausch: Der Bürgermeister spendete den Narren traditionell zwei Tonnen Bier. Das beschreibt Stadtführer und Heimatforscher Werner Kehrmann in einem Gastbeitrag für die Rheinische Post.
Ur-Karneval
Um die Wurzeln des Karnevals zu verstehen, müssen wir einen Schritt zurücktreten und uns anschauen, in welchem kulturellen Kontext das Fest einmal gestanden hat. Diesem Kontext hat der aus Rheinberg stammende Germanist und Philosoph Dr. Thomas Höffgen ein ganzes Buch gewidmet: „Karneval im alten Europa“ heißt es. Darin berichtet Höffgen von Ursprung, Brauchtum und Bedeutung eines heidnischen Verkleidungskultes, der in jenem europäisch-archaischen Festzyklus konserviert ist, den wir heute als Karnevalszeit bezeichnen: Vom alten Winteranfang am 11. November bis hin zum alten Sommeranfang am 30. April widmeten die Menschen ihre Feste und Aufmerksamkeit den wilden, animalischen Seiten des Menschseins, die wir als Mitglieder einer christlich-zivilisierten Kultur gelernt haben zu unterdrücken.
Karneval und das Narrenschiff
Das Wort Karneval geht auf den carrus navalis zurück, einen rituellen Schiffskarren, den Römer, Griechen und Germanen an hohen Feiertagen in Umzügen reich geschmückt über die Felder und durch die Natur zogen. Kernelement des Karnevals ist die Überwindung gesellschaftlicher Grenzen und Werte – die Verkleidung, das lärmende Treiben und das Schiff, das an Land fährt, sind äußerliche Phänomene eines inneren, psychologischen Ereignisses, bei dem der Einzelne sich im Geiste über die Grenzen seiner vertrauten, vernunftbasierten Welt und Wirklichkeit hinauswagt, um andere Seinszustände zu erfahren. In diesem Zustand des Außer-sich-Seins ist alles anders, verkehrt (= umgedreht): Menschen werden zu Tieren, Teufeln oder Toten, Sklaven werden zu Königen, Männer zu Frauen, Frauen zu Männern, erklärt Höffgen.¹
In seinem Werk „Traumzeit“ beschreibt der Anthropologe Hans Peter Duerr ein Beispiel aus dem Jahr 1133: Es fuhr dazumal ein „hölzernes Narrenschiff von Corneliusmünster […] nach Looz. In den Orten, in denen das Schiff hielt, erfaßte die Frauen eine ekstatische Wildheit: Halbnackt, mit aufgelösten Haaren […] umtanzten sie das Schiff und trieben hernach etwas, von dem der berichterstattende Mönch nur weinen oder schweigen zu können erklärte.“²
Straßenkarneval in Rheinberg, Rosenmontag 1968 (Video-Screenshot). Mehr historisches Material aus Rheinberg gibt es bei den Rhinberkse Jonges.„Hölle“ genanntes Narrenschiff beim Schembartlauf in Nürnberg, Urheber unbekannt, nicht datiert, vermutlich zwischen 1540 und 1800.Dr. Thomas Höffgen führt durch den alten Karnevalskalender und zeichnet die Wurzeln des Faschings in den schamanischen Verkleidungskulten vorchristlicher Völker nach.Verschwommene Erinnerungen an Karneval in Rheinberg, vermutlich im Café zum Kölner Dom, Februar 2011 (rechts bin ich).
Vorchristliche Neujahrs- und Winterfeste
Die Karnevalszeit ist ein durch und durch vorchristlicher Festzyklus: „Seit jeher feierten die Menschen ein hehres Winter-, Neujahrs- oder Frühlingsfest mit ausgelassenem Verkleidungsspiel und Kulttänzen, um den Winter auszutreiben und die warme Jahreshälfte auszurufen.“ Mithilfe von Masken, Musik und Tanz galt es die Schneedämonen zu vertreiben und die Sonnengeister anzulocken. Karneval basiert „auf astronomischer Erkenntnis und Erfahrung: Genau genommen handelt es sich um ein Sonnenfest“, so Höffgen.³
Ein Fest, das übrigens auch in unserer Weihnachtszeit konserviert ist. Das Zentrum der Sonnenfeiern war die Wintersonnenwende, die nach dem heute üblichen gregorianischen Kalender auf den 21.12. fällt. Die Wintersonnenwende ist „die Keimzelle des Karnevals“ und der Ursprung der christlichen Weihnacht; sie ist der Scheitelpunkt des heidnischen Neujahrsfests, in dem der Tod der Sonne und ihre Wiedergeburt gefeiert und mit allerlei Verkleidungskulten und enthusiastischen Ritualen begangen werden.⁴ Doch dazu in einem anderen Beitrag mehr.
Unterdrückung des Karnevals durch die Kirche
Als die katholische Kirche ihre Macht in Europa im Mittelalter ausbauen und festigen wollte, war ihr der heidnische Mummenschanz ein Dorn im Auge: Den christlichen Missionaren galt das Brauchtum als „Teufelsdienst“, dem die Kirche mit Verboten und Vorschriften begegnete. Weil die ungläubigen Heiden trotzdem am alten Brauchtum festhielten, integrierten listige Kleriker die Bräuche in den katholischen Kalender und die heidnischen Verkleidungskulte wurden kurzweg christianisiert, erklärt Höffgen.⁵
Die Bekämpfung alles Nicht-Christlichen, vornehmlich Heidnischen im Zuge der Christianisierung wird auch Verteufelung oder Dämonisierung genannt und ist gekennzeichnet durch eine Verbannung oder Umdeutung heidnischer Bräuche, Symbole und Überzeugungen. Schon im siebten Jahrhundert habe der christliche Kalender den Eindruck erweckt, er sei „eine Kopie des Heidnischen“, schreibt der Historiker Jean Claude Bologne in seinem Werk „Von der Fackel bis zum Scheiterhaufen“.⁶ Heidnische Elemente, die sich nicht christlich vereinnahmen ließen, wurden ins Reich des Bösen, Gefährlichen, Unangenehmen oder Verruchten verbannt.
11.11., 11 Uhr 11 – wieso?
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was es mit der vierfachen 11 auf sich hat, die alljährlich die Karnevalssession einleitet? Höffgen weiß Antwort: In alten Zeiten, so der Forscher, markierte der 11.11. den Einbruch der Winterzeit. Die Ernten waren eingefahren, das Vieh eingestallt und das Leben spielte sich in den Gehöften ab. Höffgen weist darauf hin, dass die doppelte 11 auch eine numerologische, zahlenmystische Deutung zulässt: „In der heidnischen Weltanschauung wird die 11 mit dem Winter zusammengebracht; etwa trägt die 11. Rune im Futhark [Runenreihe] – Isa, ᛁ – die Bedeutung ‚Eis‘.“ Grundsätzlich komme der 11 bei den vorchristlichen Völkern Europas eine positive natursymbolische Deutung zu. Die Kelten etwa feierten bis zum 11.11. das zwölf Tage andauernde Samhain, das Ende des Sommers – ein keltisches Neujahrsfest, das dem Gott der Toten, der Unterwelt, des Friedens und der Fruchtbarkeit Cromm Cruach gewidmet war, und dessen Tradition, besonders das Sich-Verkleiden, teilweise im Halloweenbrauchtum konserviert ist.⁷
Herkunft der fünften Jahreszeit
Bis heute wird die Karnevalssaison die fünfte Jahreszeit genannt – ein Begriff, der ursprünglich die Rauhnächte zwischen der Wintersonnenwende und Epiphanias bezeichnete, die sogenannte Zeit zwischen den Zeiten. In den Rauhnächten ging in alten Tagen „eine sehr spezielle ‚Lufterscheinung‘“ um, witzelte der kürzlich verstorbene Ethnologe Dr. phil. Christian Rätsch in seinem Werk „Der Heilige Hain“. Die Rede ist von der Wilden Jagd, ein von „Rossgewieher, Hundegebell, Heulen, Peitschenknallen“, Glockenlärm und anderem Getöse begleiteter Narren- und Geisterzug im wilden Gefolge des Schamanengottes Wotan: „Einherjer (gefallene Helden), die Berserker, Totenseelen, Wölfe, Hunde und Hasen, Geister und Gespenster“ brausten mit ihm durch den Nachthimmel.⁸
Der Habitus der Wilden Jagd ist laut Höffgen „ein karnevaleskes Ritual, bei dem gespenstische Erscheinungen, halb Mensch, halb Tier, ekstatische Spiele inszenierten“. In der Wilden Gjoag der Gemeinden am Untersberg habe sie sich ebenso gehalten wie in den Perchtenläufen im Alpenraum. Die modernen Perchtenläufe sind laut Höffgen ein Erbe wilder Tanzkulte und archaischer Ekstaseriten, mit denen der Winter ausgetrieben wurde. Dabei sorgten die „großen Glocken, die die Perchten auf dem Rücken tragen, […] mit ihrem monotonen Klang für einen schamanischen Trance-Effekt“. Am letzten Tag der Perchtenläufe treten die Schönperchten als Vertreter der warmen Jahreszeit in einem rituellen Glockenkampf gegen die Schiechperchten als Vertreter der kalten Jahreszeit gegeneinander an, wobei das Licht den Sieg über die Dunkelheit davonträgt.⁹
Auch Halloween zählt zu den Masken- und Verkleidungskulten. (Bild: KRiemer, Pixabay.com)„Wilde Jagd“, Franz von Stuck, 1899 (Bild: Public Domain, via Wikimedia Commons)
Umgang mit einem naturmagischen Erbe
Alle alten Feste in der dunklen Jahreshälfte haben zu tun mit der Wiedergeburt der Sonne. In ihnen ist das naturmagische Erleben unserer Vorfahren konserviert – das wilde, vorzivilisatorische Weltbild lebte in Form von Bräuchen und Ritualen in den bäuerlichen Kulturen der germanischen Stämme fort und hat teilweise, aller Christianisierungsbestrebungen zum Trotz, bis in unsere Zeit hinein Bestand – nicht nur im Karnevalszyklus. Diese Beständigkeit ist nur gegeben, weil die Feste immer wieder neu erfunden wurden – und dabei leider oft genug für politische oder religiöse Zwecke missbraucht, man denke nur an die Einverleibung alles „Germanischen“ durch die Nazis, und natürlich die Jahrtausende währende Pervertierung alles Nicht-Christlichen durch die Kirchen.
Intuitiv fühlen manche von uns noch etwas von dem ursprünglichen Sinn hinter Verkleidungskulten und lärmenden Umzügen. Doch in den meisten Fällen sind sie zu einer tradierten Schablone verkommen, die wir mechanisch ausfüllen, ohne uns der Bedeutung ihrer Formen bewusst zu sein. Indem wir uns mithilfe unseres Verstandes erneut vertraut machen mit dem Weltbild unserer Vorfahren, können wir etwas des ursprünglichen Zaubers wiedererwecken, den die Kirche und ihre weltlichen Lakaien mit spitzer Zunge und scharfem Schwert ausgetrieben haben.
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Endnoten
Höffgen, Dr. phil. Thomas: „Karneval im alten Europa. Ursprung, Brauchtum und Bedeutung eines heidnischen Verkleidungskultes“ (Darmstadt: wbg Academic, 2020), S. 12 & S. 20
Duerr, Prof. Dr. Hans Peter: „Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation“ (Frankfurt a. M.: Syndikat, 1978), S. 39
Höffgen: „Karneval …“, a.a.O., S. 15
Ebd., S. 46f
Ebd., S. 13
Bologne, Jean Claude: „Von der Fackel bis zum Scheiterhaufen: Magie und Aberglaube im Mittelalter“ (Solothurn / Düsseldorf: Walther-Verlag, 1995), S. 68
Höffgen: „Karneval …“, a.a.O., S. 28ff
Rätsch, Dr. phil. Christian: „Der Heilige Hain: Germanische Zauberpflanzen, heilige Bäume und schamanische Rituale“ (Baden / München: AT Verlag, 2. Aufl. 2006), S. 16
Theater zwischen Rausch, Sucht und gutbürgerlichem Garten: Peter Trabner und Renan Cengiz treiben den Gott des Weins in die Gegenwart. Nächste Aufführung: Sa, 16.05.26, Kulturraum Aartal, Greven
Während in Belém die UN-Klimakonferenz COP30 über Klimagerechtigkeit verhandelt, pflückt in Deutschland die Polizei im Auftrag eines Energiekonzerns Klimaaktivist:inen aus dem Wald. Bericht und Betrachtung einer Räumung und ihrer Implikationen.